Sport : Opposition oder Regierung Das Mailänder Stadtderby

in der Champions League

Vincenzo Delle Donne

Mailand. Riccardo Muti ist ein Mann, der Emotionen zeigt. Er zeigt sie sogar an einem sehr prominenten Platz. Muti ist Chefdirigent der Mailänder Scala, er arbeitet mit vielen Gesten, er lebt die Musik, die er dirigiert, quasi. Aber die Scala ist sein Job, es sind kontrollierte Emotionen. Aber manchmal werden die Emotionen ein wenig unkontrolliert. Dann leidet Muti einfach. In solchen Momenten denkt er an Inter Mailand, seinen Verein, und wenn das Stadt-Derby Inter gegen AC Mailand ansteht, leidet er ganz besonders. Heute ist die nächste Leidenszeit. Im Champions-League-Halbfinale (20 Uhr 45, live in DSF und Premiere).

Wer zu Inter hält, der fühlt sich als etwas Besseres. Der betrachtet sich als Teil einer gehobenen, intellektuellen Schicht. Sympathien für Inter hegt auch Nobelpreisträger Dario Fo, der Schriftsteller, weil hinter dem Klub eine weltoffene Philosophie stecke. Inter hatte immer einen internationalen Charakter. Aktuelle Vereinsfunktionäre sind noch immer einstige Fußballidole. Und Inter-Präsident Massimo Moratti macht kein Geheimnis daraus, dass er politisch der Mitte-Links-Opposition nahe steht.

Und der AC Mailand? In der Wahrnehmung vieler Beobachter nicht anderes als ein Sammelbecken von Parvenüs und Wichtigtuern aus Wirtschaft und Politik. Der Ministerpräsident ist zugleich Präsident des Vereins. Silvio Berlusconi hat sogar einen Anfeuerungsruf für ein Fußballteam zum Namen seiner politischen Bewegung gemacht: Forza, Italia. Die Geschichte des AC Mailand und von Inter ist die Geschichte einer Rivalität, die ein Jahrhundert lang allerdings immer mit Fairplay ausgetragen wurde. AC Mailand wurde 1899 gegründet. Das Team hatte bereits drei nationale Meisterschaften gewonnen, als 1908 Inter Mailand ins Leben gerufen wurde. Schon der Name „Football Club internazionale di Milano“ des am 9. März 1908 gegründeten Klubs besagt, dass die Anhänger des Klubs von Beginn an eine weltoffene Sicht der Dinge favorisierten.

Die Vereine pflegen inzwischen gute Beziehungen zueinander. In den vergangenen Jahren wechselten Spieler von Inter zum AC und umgekehrt. Der Niederländer Clarence Seedorf beispielsweise wechselte von Inter zu AC Mailand; Mittelfeldspieler Pirlo beschritt den gleichen Weg. Das Stadio Meazza wird von beiden Klubs verwaltet, und sie wollen nun das Stadion für 150 bis 200 Millionen Euro ganz erwerben. 1995 erwarb Moratti die Mehrheitsanteile an dem Klub, dem sein Vater Angelo in den sechziger Jahren zu Weltruhm verhalf. Doch der ersehnte nationale Titel blieb bislang unerreicht. Für Inter ist das Champions-League-Finale deshalb besonders wichtig. Der Titel soll doch noch Inters Glanz und Gloria dokumentieren.

AC-Chef Silvio Berlusconi, der den Klub 1986 übernahm und systematisch zu seiner persönlichen Propagandamaschine ausbaute, war da erheblich erfolgreicher. Unter seiner Ägide errang der Klub sechs Meistertitel und diverse internationale Trophäen.

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