Sport : Optische Täuschung

Schalke dominiert das Spiel, doch Hamburg siegt 3:1

Raim,Witkop

Hamburg. Am vorläufigen Ziel aller Träume übt sich der Hamburger SV in Bescheidenheit. „Dort oben wollten wir hin, aber erreicht haben wir noch gar nichts“, sagte Trainer Kurt Jara. Nur ein Zwischenziel: Der HSV hat mit einem 3:1-Erfolg über Schalke 04 vor 55 000 Zuschauern den vierten Platz von den Gästen übernommen und schickt sich an, seine seit dem späten Herbst andauernde Erfolgsserie mit einem Platz im Europapokal abzuschließen.

Bei den Schalkern spitzt sich die Unzufriedenheit mit der Saison dagegen zu. „Es muss und wird Konsequenzen geben“, sagte Trainer Frank Neubarth – und ließ offen, ob die ihn selbst betreffen könnten. Nahe liegend sind nur die Folgen für Poulsen und Matellan, deren Platzverweise das eigentlich gute Spiel der Schalker ruinierten.

Eine Führung aus dem Nichts

Was der HSV auf europäischer Bühne nach langen Jahren wieder präsentieren möchte, ist durchaus modellhaft gedacht: Es muss nicht schön sein, keinen Schwung oder Esprit haben, nur effektiv muss es sein. So hat Trainer Kurt Jara eine Mannschaft zusammengestellt, die – unter Verzicht auf große und teure Namen – dem Gegner zuerst das Leben schwer macht.

Mit dieser Devise war es nur konsequent, den stark aufspielenden Schalkern das Mittelfeld zu überlassen, um sie erst in der eigenen Hälfte – dann aber erbittert – zu bekämpfen. Heimspiele der Hamburger zeigen oft diese optische Täuschung: Der Gegner kombiniert und gefällt, der HSV gewinnt.

Die Führung der Hamburger in der 29. Minute war dafür ausgesprochen typisch: wie aus dem Nichts, überraschend und vielleicht unverdient. Ein weiter Schlag nach vorn, eine Kopfball-Ablage von Barbarez, und Romeo traf aus spitzem Winkel. Bis dahin hätte Schalke durch Sand oder Böhme längst führen können. Die demoralisierende Wirkung solcher Treffer auf einen scheinbar überlegenen Gegner gehört ebenfalls fest zum Hamburger Erfolgsrezept. Schalke ließ merklich nach und verwickelte sich zunehmend in jene Zweikämpfe, die meist mit Schmerzen und oft mit Verwarnungen enden – was sich später rächen sollte.

Verschwörungstheorien

Nach dem Ausgleich in der 57. Minute nämlich, als van Hoogdalem mit einem Glücksschuss zum 1:1 getroffen hatte, behauptete sich der HSV in der zunehmenden Hektik als die kühlere Mannschaft. Es begann in der 71. Minute mit Gelb-Rot für den starken Poulsen, der Ujfalusi in einem Luft-Duell förmlich umgerammt hatte. Es ging weiter in der 84. Minute mit Rot für Matellan, der Meijer mit dem Arm traktiert hatte. Beides, wie Neubarth entschuldigend erklärte, nach massiven Provokationen: „Hollerbach zum Beispiel lief herum wie ein wild gewordener Rasenmäher. Trotzdem dürfen solche Disziplinlosigkeiten nunmal einfach nicht passieren.“

Manager Rudi Assauer und etliche Schalker Spieler ergingen sich, wie schon in den Vorwochen, in Erörterungen über das Verhältnis der Schiedsrichter zu ihrem Verein – diese Litanei erinnert immer mehr an neurotische Verschwörungstheorien über das Wirken finsterer Mächte und hilft dem Klub nicht weiter.

Gegen acht aufgebrachte und manchmal kopflose Schalker Feldspieler setzen sich nunmehr vier Hamburger Stürmer durch: Takahara (86.) und erneut Romeo (90., aus 40 Metern in das von Rost geräumte Tor) trafen.

Ein Spiel ganz nach dem Geschmack von Jara: „Nichts für Ästheten, aber intensiv und spannend.“ Es ist eine dieser gar nicht so seltenen Charakterwandlungen zwischen aktiver Zeit und Trainerkarriere: Kurt Jara war ein Fußballer für Ästheten, aber oft nicht intensiv genug. Als Trainer ist der Österreicher aber deutlich erfolgreicher.

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