Sport : Ordentlich abgeräumt

Die Randsportart Snooker boomt weiter – und bei der Weltmeisterschaft in Sheffield wird Geschichte geschrieben

Erik Eggers[Sheffield]

Innerhalb von Sekunden verdichtet sich die zuvor entspannte Atmosphäre im Crucible Theatre zu Sheffield. Ein „maximum break“ kündigt sich an, das perfekte Spiel im Snooker. Die Zuschauer richten sich auf, stoßen sich gegenseitig an, und nach jedem Ball rutschen sie unruhig hin und her. „Er versucht es“, flüstern sie, und von dem, was dann folgt, werden sie noch lange schwärmen. Mark Williams, zweimaliger Weltmeister und bei der seit dem 17. April laufenden Weltmeisterschaft an Nummer zwei gesetzt, führt bereits mit 9:1-Spielen gegen Robert Milkins, nur noch ein Spiel (Frame) benötigt er zum Einzug in die zweite Runde. Der große Vorsprung, erklärt der Waliser hinterher, „hätte mir eine verschossene Kugel verziehen“.

Also zielt er auf das „maximum break“: 147 Punkte in einer Aufnahme. Nach einer versenkten roten Kugel (ein Punkt) folgt jeweils die schwarze (sieben Zähler), die stets wieder aufs Spielfeld platziert wird. Wie von einem Magneten gezogen, rollen so die ersten dreißig Bälle in die schmalen Taschen. Bald schon haben Tony Drago und Stephen Lee ihr nebenan stattfindendes Match unterbrochen, auch sie wollen teilhaben an diesem außergewöhnlichen Moment. Williams versenkt schließlich die restlichen sechs Farben (gelb, grün, braun, blau, rosa und schwarz), und noch bevor die schwarze Kugel zum krönenden Abschluss in einer Tasche des Billardtisches landet, umtost den 30-Jährigen der Jubel auf den Rängen, Gegner und Schiedsrichter gratulieren ihm, und erst jetzt lässt Williams ein Lächeln erkennen.

Sein so genanntes „maximum“, das erst sechste in der Geschichte der Weltmeisterschaften, wird von der World Snooker Association mit 147 000 britischen Pfund belohnt, dazu kassiert Williams noch 14 000 Pfund für das höchste Break der WM. In neun Minuten hat er umgerechnet 245 000 Euro verdient. „Dafür muss man sonst einige Turniere gewinnen“, sagt Williams und grinst.

Für den deutschen Sportrezipienten ist nicht nachvollziehbar, mit welcher Intensität und Begeisterung die Briten einer Kneipensportart wie Snooker huldigen, dieser kompliziertesten und edelsten Variante des Billards. Doch Snooker ist seit 1927, als die ersten Weltmeisterschaften stattfanden, traditioneller Bestandteil des Sportkalender im Commonwealth; neben den vier Millionen organisierten Spielern in Großbritannien betreiben auch Kanadier, Australier und Thailänder diesen Konzentrationssport, zumal sich auch gut darauf wetten lässt. Zuletzt sind auch immer mehr Klubs auf dem europäischen Kontinent entstanden – und in China, wo neuerdings Hallen mit mehreren Hundert Tischen existieren, explodiert geradezu die Zahl der Spieler und Fans, der Chinese Ding Jinhui gewann zuletzt die stark besetzten Peking Open. Die beiden besten Deutschen, Lasse Münstermann und Patrick Einsle, kämpfen zur Zeit um einen der 96 Plätze auf der Snooker-Tour.

Das Zentrum dieses Sports wird indes das Crucible Theatre in Sheffield bleiben, das seit 1977 die WM beherbergt. Die rote Farbe des Flachdaches ist abgeblättert, dem Namensschild fehlen zwei Buchstaben, geräumige Logen für die Sponsoren gibt es in dem Zweckbau nicht. Doch nicht nur die Zuschauer lieben die Enge des Auditoriums, in dem sonst Shakespeare und Oscar Wilde zur Aufführung gelangen, sondern auch die Profis. Denn hier wird die Geschichte dieses Sports geschrieben, hier entstehen Snooker-Mythen. So das sagenumwobene „black ball-final“ zwischen Dennis Taylor und Steve Davis aus dem Jahre 1985, in dem Taylor mit dem letzten aller möglichen Bälle die Entscheidung herbeiführte – begleitet von 18,5 Millionen Zuschauern bei der BBC, bis heute Rekord in der britischen TV-Geschichte.

Steve Davis ist immer noch dabei, zählt aber nicht mehr zum Favoritenkreis. Ihm gehören Stephen Hendry, Mark Williams, John Higgins und Matthew Stevens an. Der große Favorit aber ist der exzentrische Weltranglistenerste und Titelverteidiger Ronnie O’Sullivan. „Er muss nicht einmal sein bestes Spiel abrufen, um uns zu schlagen“, sagt sogar Hendry, der beherrschende Akteur der Neunzigerjahre, über den Popstar des Snookers. Die Aura der Unbesiegbarkeit hat sich O’Sullivan bei der letzten WM erworben, als er Hendry im Halbfinale mit 17:4 vorführte. Dieses Mal träfen Hendry und O’Sullivan im Finale am 1. und 2. Mai aufeinander, eine Paarung, die sich viele Fans wünschen. Denn dann, sind sie sich sicher, würde erneut Geschichte geschrieben. So wie es Mark Williams mit seinem „maximum break“ getan hat.

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