Sport : Organisiertes Risikospiel

Die Tour de France wird bisher von Stürzen bestimmt

Tom Mustroph[Arenberg]

Jens Voigts Stimme überschlug sich. Der deutsche Radprofi beschimpfte die Organisatoren der Tour de France als „Mörder“ und nannte ihre Arbeit „idiotisch“: „Das war eine leichtfertige, sinnlose Gefährdung unserer Gesundheit. Sie glauben nicht, wie sauer ich bin über diese dusselige Entscheidung, eine Etappe wie diese fahren zu lassen.“ Sein Ärger war verständlich. Kurz zuvor war sein Teamkollege Fränk Schleck bei einem Sturz auf einer der vielen Kopfsteinpflaster-Passagen der dritten Etappe gestürzt. Ein gebrochenes Schlüsselbein bedeutete das Ende der Siegträume für den Mitfavoriten. Der Saxo-Bank-Fahrer war beileibe nicht das einzige Opfer der unfallträchtigen Etappe: Auch der Franzose David Le Lay musste mit einem Schlüsselbeinbruch ins Krankenhaus, dazu gab es jede Menge Haut- und Fleischwunden.

Lance Armstrong kam zwar ohne große Blessuren über das Pflaster von Paris-Roubaix, dennoch war er einer der Verlierer des Tages. Der siebenfache Toursieger passte zuerst nicht auf, als der Schweizer Fabian Cancellara mächtig anzog und wieder ins Gelbe Trikot fuhr. Dann warf ihn ein Defekt noch weiter zurück. Er verlor zwei Minuten auf Andy Schleck und eine auf Alberto Contador.

Der Ritt über die kantigen Steine um Arenberg war der dritte Akt des Sturzdramas Tour de France. Bereits am Sonntag gingen große Teile des Pelotons zu Füßen des Brüsseler Atomiums zu Boden. In Massen glitten sie auch am Montag den Col du Stockeu herab und erinnerten dabei mehr an die ekstatischen Schlammrutschen der kiffenden Hippies von Woodstock als an radelnde Geschäftsleute mit Pharma-Vorlieben. Am Dienstag ging es weiter mit dem lustigen Purzeln. „Der Tag gehört zu den Top 5 meiner schlimmsten Tage auf dem Rad“, erzählte der Brite David Millar. „Vor mir sah ich Armstrong auf einer schnurgeraden Straße zu Boden gehen. Als ich noch dachte, hier stimmt etwas nicht, rutschte ich schon über den Boden.“

Bei dieser Tour haben sich drei verschiedene Klassen von Stürzen herauskristallisiert. Zunächst natürlich die unvermeidlichen Fahrfehler. Die zweite Klasse von Stürzen wird durch höhere Umstände wie die Ölspur am Col de Stockeu ausgelöst. Die dritte Klasse ist besonders heimtückisch: Es sind die geplanten Stürze. Das Sturzrisiko ist längst ein Inszenierungselement im Profiradsport. Warum sonst ist drei Kilometer vor dem Ziel einer Sprintetappe eine 160 Grad-Kurve eingebaut? Warum muss ein Rundfahrtpeloton über das gefährliche Kopfsteinpflaster der „Hölle des Nordens“ rumpeln, das schon bei Eintagesrennen Opfer fordert?

Die Fahrer waren sich der Schwierigkeiten und auch der Chancen des Kopfsteinpflasters am Dienstag bewusst. Weil hier eine Vorentscheidung für die Gesamtwertung fallen konnte, hielt das Peloton weder, als der einstige Giro-Sieger Damiano Cunego zu Boden ging noch, als Fränk Schleck der Knochen krachte. Nicht einmal Teamgefährte Cancellara brach die Attacke ab, die er in diesem Moment startete. Rücksicht nehmen Radprofis nur, wenn es ihnen in die Karten spielt.

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