Orlando Engelaar im Interview : „Mit Schalke kann ich Meister werden“

Der Holländer Orlando Engelaar über die Titelambitionen seines neuen Klubs, Probleme mit seiner Größe und die Liebe seines Lebens.

DFB-Pokal 1.Runde - FC 08 Homburg - FC Schalke 04 0:3 Foto: dpa
Herausragend. Der 28-jährige Neu-Schalker Orlando Engelaar.Foto: dpa

Herr Engelaar, ist Ihnen schon aufgefallen, dass Sie ganz besondere Augen haben?

Besondere Augen? Wieso?

Ihr Landsmann und Fußballkollege Clarence Seedorf hat über Sie gesagt: „Guck dir seine Augen an! Er ist ein Sieger!"

Unglaublich, oder? Seedorf ist einer der erfolgreichsten Fußballer der Welt. Wenn so ein Spieler das über dich sagt, ist das wirklich schön.

Hat Seedorf Recht?

Wenn ich verliere, bin ich unausstehlich. Ich will immer gewinnen. Aber das ist wahrscheinlich bei allen Fußballern so.

Das Besondere ist: Seedorf hat das gesagt, da hatte er Sie noch nie Fußball spielen sehen.

Das stimmt, er kannte mich gar nicht. Vielleicht hat er besonders gute Augen.

Sind Sie hungrig nach Erfolg?

Sehr. Deshalb bin ich nach Deutschland, zu Schalke 04 gekommen. Nach der EM gab es mehrere Vereine, die an mir interessiert waren. Mit Schalke habe ich eine reelle Chance, Meister zu werden und in der Champions League zu spielen.

Ist Schalke das Höchste, das Sie sich vorstellen können?

Das Höchste sind Vereine wie Barcelona, Real Madrid, Manchester United. Da wollen eigentlich alle Fußballer in ihrer Karriere mal spielen. Das ist doch normal.

Mit fast 29 Jahren ist es normalerweise schon zu spät.

Ja, normalerweise bin ich ein bisschen zu spät dran. Aber das ist auch kein Problem. Millionen Spieler wollen für Schalke spielen – ich spiele für Schalke. Wenn ich hier meine Karriere beende, werde ich sicher nicht böse sein.

Wissen Sie eigentlich, was 1958 war?

1958? Nein.

Da war Schalke zum letzten Mal Deutscher Meister.

Oh, das ist lange her. Zu lange. Ich hoffe, dass sich das bald ändert.

Karl-Heinz Rummenigge sieht in den Schalkern in dieser Saison den ärgsten Konkurrenten für seine Bayern.

Das wäre schön. Ich habe mit einigen Spielern darüber gesprochen, sie haben mir gesagt: Die Bayern sind uns immer einen Schritt voraus, aber in diesem Sommer sind wir mit Sicherheit nicht schwächer geworden, wir haben keine Spieler abgegeben, und es sind zwei dazugekommen.

Einer davon sind Sie. Ist es nicht ein bisschen zu viel erwartet, dass Sie jetzt schon den Chef im Schalker Mittelfeld spielen sollen?

Ich sehe mich nicht als Chef. Ich will der Mannschaft helfen. Ich will viele Ballkontakte haben. Die Leute sollen merken: Ich bin auf dem Platz.

Gibt es in der Mannschaft Eifersüchteleien wegen Ihrer Rolle?

Davon habe ich nichts gespürt. Die Jungs sind alle sehr nett, sie helfen mir. Natürlich gibt es bei uns im Mittelfeld große Konkurrenz, jeder will spielen, aber niemand will, dass ich nicht spiele.

Schalkes neuer Trainer Fred Rutten ist zugleich Ihr alter Trainer in Enschede.

Ich weiß, worauf Sie hinauswollen: dass der Trainer mich bevorzugt. Das glaube ich nicht. Der Trainer ist Profi, ich bin Profi. Er hat mich nicht zu Schalke geholt, nur weil ich ein netter Mensch bin. Wenn ich nicht gut spiele, habe ich genauso ein Problem wie alle anderen. Vorige Woche, im Pokal in Homburg, hat mich Rutten in der Pause vor versammelter Mannschaft kritisiert. Das ist gut so. Ich will keine Sonderrechte.

Haben Sie trotzdem ein besonders Verhältnis zu Rutten?

Schwierige Frage. Von meinem Gefühl her ist das Verhältnis ganz normal. Aber ich weiß auch, dass andere das nicht glauben können. Fred Rutten hat für meine Karriere eine sehr wichtige Rolle gespielt.

Inwiefern?

Er hat mich damals nach Enschede geholt, als ich ein bisschen die Lust am Fußball verloren habe. Und er hat mich auf die Position im defensiven Mittelfeld gestellt, auf der ich jetzt spiele. Früher war ich ein echter Zehner hinter den Spitzen, Rutten hat zu mir gesagt: Pass auf, als offensiver Mittelfeldspieler bist du am Ende deiner Entwicklung angekommen, aber wenn du die neue Rolle akzeptierst, kannst du noch einen Schritt nach vorne kommen. Dadurch bin ich ein anderer, ein besserer Fußballer geworden. Das hat Rutten mir ermöglicht, und das hat er sehr gut erkannt.

Hat Sie das erstaunt?

Zuerst habe ich gedacht: Das kann doch nicht sein. Das hieße ja, dass ich mein ganzes Leben auf der falschen Position gespielt habe. Die ersten Wochen lief es nicht besonders gut. Aber das war auch eine Kopfsache. Ich hatte keinen Spaß an der Position, ich wollte Tore machen. Das steckt in mir drin. Wenn ich weiter hinten spiele, kann ich das nicht. Das finde ich nicht schön.

Und jetzt?

Es ist nicht mehr so schlimm wie früher, aber ich musste im Kopf erst einen Schalter umlegen. Ich musste akzeptieren: Es ist nicht das Wichtigste, Tore zu machen, Aktionen nach vorne zu haben, Vorlagen zu geben. Ein, zwei Monate habe ich dafür gebraucht. Meine großen Qualitäten liegen nicht unbedingt in der Defensive, beim Tackling. Umso wichtiger ist es, dass du auf dem Platz an der richtigen Stelle stehst, dass du viel mit deinen Mitspielern sprichst. Man kann das trainieren, aber es muss auch ein bisschen in dir stecken.

Haben Sie inzwischen mit der Position Frieden geschlossen?

Sie macht mir richtig Spaß. Ich will nicht sagen, dass ich mit 28 schon zu alt bin, um noch weiter zu kommen. Aber vielleicht wäre ich heute noch besser, wenn ich schon mit 24 auf dieser Position gespielt hätte. Es kann aber auch sein, dass ich mit 24 noch nicht dazu bereit gewesen wäre. Ich bin jetzt erfahrener, klüger, ich weiß mehr.

Kennen Sie eigentlich einen Mittelfeldspieler, der größer ist als Sie?

Ich glaube nicht. Patrick Vieira, der Franzose, ist auch sehr groß, aber die meisten Fußballer, die so groß sind wie ich, spielen entweder im Sturm oder in der Abwehr. In der Jugend war ich mal ein oder zwei Jahre zentraler Verteidiger, sonst habe ich immer im Mittelfeld gespielt.

Ist es auf Ihrer Position ein Problem, fast zwei Meter groß zu sein?

Wenn es ein großes Problem wäre, wäre ich wahrscheinlich nicht so weit gekommen. Vielleicht fehlt mir auf den ersten Metern ein bisschen die Explosivität, aber ich bin auch nicht langsam. Andere Nachteile sehe ich nicht.

Hatten Sie nie Probleme mit Ihrer Größe?

Doch, als Kind. Mit zwölf oder dreizehn bekam ich einen richtigen Wachstumsschub. Meine Knochen sind so schnell gewachsen, dass die Muskeln nicht mehr mitgekommen sind. Ich hatte Schmerzen in den Knien, Schmerzen in den Oberschenkeln, konnte nicht mehr richtig laufen und vor allem nicht Fußball spielen. Mein Arzt hat mir damals gesagt, wenn das so weiter geht, wirst du 2,10 Meter groß. Das wollte ich nicht. Ich wollte Fußball spielen. „Shit", habe ich dauernd gerufen, „ich kann nicht mehr Fußball spielen!"

Und dann?

Der Arzt hat gesagt: Wir können das stoppen, dann wirst du nicht so groß. Groß ja, aber nicht so groß. Ich bekam Injektionen, die das Wachstum gehemmt haben. Nach ein, zwei Jahren ging es langsam besser.

Mit 2,10 Meter wären Sie vielleicht ein guter Basketballer geworden.

Für mich gab es immer nur Fußball. Ich war krank nach Fußball. Ich habe den ganzen Tag gespielt. Heute fahre ich nach dem Training nach Hause und muss mich ausruhen, weil ich kaputt bin. Früher bin ich einfach nicht müde geworden.

Sie haben mal gesagt: Der Ball ist die Liebe meines Lebens.

Ja? Das muss lange her sein. Sagen wir, der Ball ist eine der Lieben meines Lebens. Bei mir zu Hause fliegen überall Bälle rum, in der Küche, im Wohnzimmer, im Schlafzimmer. Den ganzen Tag habe ich einen Ball am Fuß. Früher hat meine Mutter mir verboten, dass ich in der Wohnung spiele, da musste ich immer raus auf die Straße. Aber in meiner Wohnung kann ich machen, was ich will.

Das Interview führten Jörg Strohschein und Stefan Hermanns.

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