Sport : Ortsmitte Federballplatz

Die Sportart Badminton gibt den 210 Millionen Indonesiern ein Stück nationale Identität

Bernd-Volker Brahms[Jakarta]

Andere Länder, andere Sitten. Auch im Sport gilt dieser Satz. Wir beschreiben in loser Folge Sportarten, die Nationen prägen , und warum das so ist.

* * *

Es ist dunkel, ein Fremder würde den Hinterhof im Osten Jakartas sicher nie finden. Und wenn ihn jemand dort hingelotst hätte, dann würde er ihn nur mit einem mulmigen Gefühl betreten, weil er nicht weiß, was ihn dort erwartet. Die einzige Beleuchtung kommt von einer kleinen Flutlichtanlage. Sie scheint auf ein Badmintonfeld. Wie ein Dorfplatz wirkt das Feld, weil drumherum die Wohnhütten stehen. Die Atmosphäre ist angenehm, es wird viel geredet, Kinder tollen barfuß herum. Jeden Abend, wenn sich die Hitze ein bisschen zurückzieht aus der indonesischen Hauptstadt, beginnt hier das sportliche Leben. Der Badmintonplatz wird zum Mittelpunkt.

Die Menschen auf dem Hinterhof sehen einfach aus, aber die Ärmsten sind sie nicht in der Millionenmetropole Jakarta. Die Anwohner haben schließlich das Badmintonfeld mit der Flutlichtanlage selbst bezahlt, sieben Millionen Rupiah, das sind umgerechnet etwa 700 Euro. Ein Nachbar erzählt, dass sie manchmal bis um zwei oder drei Uhr nachts dort spielen. Der Badmintonplatz ist der Treffpunkt für die Männer. Frauen sind nicht anwesend. Während vier Spieler teilweise in langer Jeans und mit bloßem Oberkörper den Federball mit mehr oder minder geschickten Schlägen über das Netz treiben und ein Schiedsrichter die Punkte zählt, plaudern einige Männer auf einfachen Holzbänken. Gespielt wird mit richtigen Gänsefederbällen, so genannten „cocks“.

So wie in Brasilien große Fußballkarrieren in den Slums beginnen, so fangen in Indonesien Badmintonbiographien in einem Hinterhof wie diesem an. Mit Badminton ist ein steiler sozialer Aufstieg möglich in dem größten islamischen Land der Welt. Und wer oben angekommen ist, kann sich ein luxuriöses Leben leisten.

Als Taufik Hidayat im vergangenen Jahr bei den Olympischen Spielen in Athen die Goldmedaille umgehängt bekam, fing der 23-Jährige hemmungslos zu weinen an. Ihm wurde in diesem Moment wohl bewusst, dass er in seinem Land gerade zu einem nationalen Helden geworden war. Berühmt war er schon, seine Biografie lag bereits in den Buchläden. Er wurde belohnt wie kein anderer Olympiasieger von Athen. Der indonesische Sportverband zahlte ihm eine Milliarde Rupiah, etwa 100000 Euro, der Badmintonverband schenkte ihm ein Haus im doppelten Wert. Dazu kamen weitere üppige Geldgeschenke. Insgesamt soll er fast eine Million Euro erhalten haben. So viel ist den Indonesiern Badminton wert.

Britische Soldaten haben Badminton vor mehr als hundert Jahren nach Südostasien gebracht. Wie viele Menschen in Indonesien Badminton spielen, kann niemand sagen, offizielle Statistiken gibt es nicht. Allein in der Hauptstadt Jakarta bestehen mehr als hundert Klubs, doch die meisten Indonesier spielen einfach auf der Straße, teilweise mit Fischernetzen und Linien aus Bambusstöcken. Bulutangkis, wie die Indonesier das Federballspielen nennen, ist für sie mehr als eine Sportart, sie verbinden damit ein nationales Bewusstsein. Als 1992 Badminton ins Programm der Olympischen Spiele aufgenommen wurde, gewannen Allan Budi Kusuma und Susi Susanti jeweils Gold im Einzel. Das Paar, das später auch heiratete, wurde gefeiert wie in anderen Ländern eine Fußball-Weltmeistermannschaft. Militärdiktator Suharto konnte seinerzeit die aufstrebende wirtschaftliche Potenz des Landes auch nach außen demonstrieren.

Obwohl Indonesien mit seinen etwa 15000 Inseln und 210 Millionen Einwohnern zu den fünf bevölkerungsreichsten Ländern der Welt zählt, konnten Sportler bis 1992 nur eine einzige olympische Medaille gewinnen. Bei den vergangenen vier Spielen erhöhten die Badmintonspieler die Bilanz auf 14 Medaillen – davon fünf goldene.

Als die Asienkrise mit ihren zahlreichen Börsencrashs das Land Mitte der Neunzigerjahre finanziell und politisch ins Trudeln brachte, wurde auch Badminton davon betroffen: Zahlreiche Spieler verließen das Land, und die Förderung des Spitzensports ging zurück. Nachdem im vergangenen Jahr dann auch noch das Männerteam beim Thomas Cup, der Mannschaftsweltmeisterschaft, im eigenen Land den Titel an China abgeben musste, fand sich wenig später kein indonesischer Fernsehkanal mehr, der für die Übertragungsrechte der Olympischen Spiele bezahlen wollte. Die Leidenschaft der Indonesier, ihren Stars beim Spielen zuzuschauen, blieb unbefriedigt. Und so konnten sie nicht mitverfolgen, wie Taufik Hidayat als Ungesetzter Olympiasieger wurde und seinem Land einen überraschenden Triumph bereitete.

Bisher erschienen: Thaiboxen in Thailand und Pétanque in Frankreich.

0 Kommentare

Neuester Kommentar