Osaka : Deutschland soll laufen lernen

Weite Würfe brachten ein gutes WM-Ergebnis – jetzt soll noch mehr kommen.

Friedhard Teuffel[Osaka]

Auch in der Leichtathletik gibt es eine erste, zweite und dritte Welt. Die erste ist ein exklusiver Zirkel, sie erinnert an vergangene Zeiten, denn zu ihr gehören nur die USA und Russland. Danach kommt die Mittelschicht, Kenia, Jamaika und Deutschland. Die dritte Welt, das sind alle übrigen Länder. So sieht das sportliche Weltbild des deutschen Cheftrainers Jürgen Mallow nach dieser WM in Osaka aus, zugrunde liegt ihm die Anzahl an gewonnenen Medaillen. In dieser zweiten Welt lebt es sich für die deutschen Leichtathleten ganz kommod, schließlich drohte ihnen bis vor kurzem noch, ganz aus der Welt zu sein. „Wenn wir noch auf dem Stand von 2004 wären, dann wären wir längst ausgestorben. Aber der Aufwärtstrend ist zu erkennen. Wenn dies der Test für die Olympischen Spiele in Peking war, dann ist er gelungen“, sagte Mallow. Im Vergleich zur WM vor zwei Jahren in Helsinki sind jedenfalls zwei Medaillen dazugekommen, darunter eine goldene.

Es ist wohl kein Zufall, dass die drei Länder aus Mallows zweiter Welt eines gemeinsam haben: Während die USA und Russland in allen Disziplinen Medaillen gewinnen, können die Nationen dahinter alle eine bestimmte Sache besonders gut. Die Kenianer am besten lange laufen, die Jamaikaner ausgezeichnet sprinten und die Deutschen am weitesten werfen. Hätte Danny Ecker nicht noch am vorletzten Tag im Stabhochsprung Bronze gewonnen, die Deutschen hätten sich ihre sieben Medaillen allesamt erworfen. Über diese Medaillen haben sich die Deutschen ausgiebig gefreut, aber die enttäuschende Seite der Bilanz kann Mallow nicht verbergen: „Wir haben in keinem der Einzel-Laufwettbewerbe ein Finale erreicht.“

Vielleicht wäre diese Enttäuschung gar nicht so groß gewesen, wenn die 4-x-400- Meter-Staffel der Männer zum Abschluss noch Bronze erkämpft hätte. Doch beim zweiten Wechsel stolperte Kamghe Gaba über einen polnischen Läufer – die deutsche Staffel wurde Letzte. „Ich habe nach hinten geschaut, um sicher zu sein, dass ich den Staffelstab habe. Als ich dann nach vorne geschaut habe, hat es auch schon geknallt“, berichtete Gaba. Startläufer Ingo Schultz sagte: „Da trifft keinen eine Schuld, Kamghe hat nichts falsch gemacht. Aber es ist super ärgerlich, weil wir eine große Chance hatten, der dritte oder vierte Platz wäre drin gewesen.“

Für manche Laufstrecken hatte der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) erst gar keine Athleten mit nach Japan genommen, und wer doch mitgenommen wurde, schied meist gleich wieder aus. Dass sie das Laufen verlernt haben, glaubt Mallow nicht, er glaubt eher das Gegenteil: „Es ist möglich, Olympiasieger im Laufen zu haben.“ Dafür müssten sie aber anders trainieren. Das Problem sei im Moment vor allem, dass deutsche Läufer zu viel laufen. „Inzwischen werden für die 800 Meter Umfänge trainiert wie früher für die 1500 Meter und für die 1500 Meter wie früher für die 5000“, kritisiert der Cheftrainer. Dahinter stecke eine Doktrin aus DDR-Zeiten, entwickelt am Institut für angewandte Trainingswissenschaften in Leipzig: Viel hilft viel. „Davon müssen wir wegkommen, und von unserem Weg müssen wir unsere Trainer überzeugen.“

Den Kenianern etwa könne allein deshalb ein anderes Trainingspensum zugemutet werden, weil sie schon als Kinder mehr liefen. „Bei uns in Deutschland findet die Leichtathletik an manchen Schulen gar nicht mehr statt.“ Ein Staffelprojekt hat der DLV schon am Laufen, jetzt soll ein Sprintprojekt dazukommen und schon bis zur WM 2009 in Berlin Erfolge bringen. Auch personell will sich der DLV intensiver um die Läufer kümmern. Für die Strecken von 800 Meter bis zum Marathon gibt es im Verband derzeit nur einen einzigen hauptamtlichen Trainer. Aus einer Stelle sollen bis 2009 drei werden.

Die Stärken ausbauen will der DLV allerdings genauso wie die Schwächen beseitigen. Die Werfer wie die beiden Weltmeisterinnen Franka Dietzsch mit dem Diskus und Betty Heidler mit dem Hammer sollen nicht unter ihrem Erfolg leiden und mindestens so intensiv gefördert werden wie bisher. Eine Stärke hat die Mannschaftsleitung des DLV allerdings bei allen ausgemacht, ob sie nun werfen, springen oder laufen: einen klaren Kopf. „Wir schaffen es, selbstbewusste Athleten an den Start zu bringen“, sagte Jürgen Mallow, „wenn es in der Leichtathletik Elfmeterschießen gäbe, würden unsere Athleten ziemlich viel verwandeln.“

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