Sport : Ost gegen West am Beckenrand Der neue, alte Streit

der Schwimmtrainer

Frank Bachner

Berlin - Gestern Abend saßen sie wieder zusammen. Das ist ein Ritual: Die deutsche Schwimm-Nationalmannschaft trifft sich bei Wettkämpfen immer abends, um den Tag durchzusprechen. So ist das auch in Wien bei den Kurzbahn-Europameisterschaften. „Klartext“ nennt Chef-Bundestrainer Ralf Beckmann diese Treffen. Da redet vor allem er. Dass er sich allerdings selber in Wien Klartext anhören musste, „hat mich schon überrascht“. Denn der Heidelberger Trainer Michael Spikermann bat Beckmann um ein Gespräch, offenbarte sich als Sprecher einer Trainergruppe und monierte in deren Namen die Anwesenheit von Bundestrainer Manfred Thiesmann in Wien. Der Deutsche Schwimmverband (DSV) habe doch festgelegt, dass Thiesmann nicht mehr bei internationalen Wettkämpfen eingesetzt würde. Das freilich war Beckmann neu.

Der Burgfrieden im DSV ist wieder beendet. Vorne, im Rampenlicht, stehen die Stars, die großen Namen, Rupprath, Buschschulte, vor kurzem auch noch van Almsick und Stockbauer, im Hintergrund belauern sich die Trainer und begleichen regelmäßig offene Rechnungen. Es geht um Eitelkeiten, Kompetenzstreitigkeiten – und einen Ost-West-Konflikt.

Spikermann, Trainer von Staffel-Vizeweltmeisterin Petra Dallmann, vertritt die Trainer Bernd Henneberg, Norbert Warnatzsch und Roland Böller. Henneberg trainiert Weltmeisterin Antje Buschschulte, Warnatzsch coachte Franziska van Almsick, Böller betreut die fünfmalige Weltmeisterin Hannah Stockbauer. Sie alle werfen Thiesmann veraltete Trainingsmethoden vor. Thiesmann ist vor allem für die Staffeln zuständig. Er ist seit fast 20 Jahren Bundestrainer und kümmert sich seit den Olympischen Spielen wieder verstärkt an der Bundeswehr-Sportschule Warendorf um Athleten. Beckmann sieht darin eine „Optimierung von Thiesmanns Fähigkeiten“. Für dessen Gegner aber ist es eine längst fällige Entmachtung.

Es geht um mehr als um fachliche Mängel, es geht um einen nicht verarbeiteten Rollenwechsel. Henneberg und Warnatzsch feierten als DDR-Trainer große Erfolge, gestützt auf das Dopingsystem. Den West-Kollegen Thiesmann belächelten sie. Doch jetzt, im vereinten Team, ist Thiesmann ihnen gegenüber weisungsbefugt. Vor allem Henneberg hat das nie verwunden. Der Magdeburger macht daraus auch gar kein Geheimnis. Roland Böller aus Erlangen hat ein sehr enges Verhältnis zu Henneberg, das erklärt ihren Zusammenhalt. Warum aber agiert Spikermann gegen Thiesmann? „Der will wohl selber Bundestrainer werden“, sagt Horst Melzer, Bundesstützpunkt-Trainer von Essen und Coach von Brust-Spezialist Mark Warnecke. Er ist nicht in Wien, weil er gerade erst vom Weltcup in Südkorea zurück kam. Spikermann war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Melzer gehört zur anderen Gruppe, zu den Leuten, die Thiesmann verteidigen. Er sagt: „Die Forderung, Thiesmann aus Wien abzuberufen, ist unglaublich. Da will eine Versagergruppe von Athen einen verdienten Kollegen abschießen.“ Es ist pikant: Ausgerechnet die Trainer, die Thiesmann Fachmängel vorwerfen, sind nach den Olympischen Spielen in Erklärungsnöten. Ihre Athleten haben in Athen mehr oder weniger deutlich versagt. Van Almsick, Stockbauer, Buschschulte, Dallmann – auf ihren Spezialstrecken schwammen sie hinterher. „Böller hat im Trainerkreis bis heute mit keinem Wort erklärt, warum Stockbauer so schlecht war“, sagt Melzer. Auch Henneberg und Warnatzsch hätten sich um eine detaillierte, selbstkritische Analyse gedrückt.

Zwischen den Gruppen steht Beckmann und versucht zu vermitteln. „Böller hat mir zu Hannah erklärt, was ich wissen muss. Er hat es den anderen Trainern allerdings nicht so deutlich gesagt.“ Und für Thiesmann „sprechen die Erfolge der letzten 20 Jahre“. Oder die in Athen: Bei Olympia sorgten die deutschen Staffeln für die wenigen Lichtblicke.

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