Ost-Legende : Ortstermin: Täve Schur stellte seine Autobiographie vor

Er saß in der Volkskammer der DDR, im Bundestag und sehr oft im Sattel. Bei der Vorstellung seines Buches redet Schur viel von damals.

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Einfach Täve. Radlegende Schur hält seine Autobiographie in der Hand. Foto: dpa
Einfach Täve. Radlegende Schur hält seine Autobiographie in der Hand. Foto: dpaFoto: dpa

Berlin - Ein kurzer Tusch, dann rollt er herein. Begleitet von Blasmusik kommt Gustav-Adolf Schur auf einem Rennrad durch die Eingangstür gefahren. Doch was als Triumphzug geplant war, gerät zum Hindernisparcours. Der ehemalige Radfahrer hat sichtlich Mühe, vorn am Rednerpult anzukommen, so viele Leute tätscheln ihm auf die Schulter. Vereinzelte „Täve, Täve“-Rufe werden laut, Schur winkt selig in den überfüllten Saal.

Auch Jahrzehnte nach dem Ende seiner aktiven Karriere hat Schur, im Volksmund Täve genannt, hat kaum etwas von seiner einstigen Popularität im Osten eingebüßt. Gute Voraussetzungen also, um seine Autobiographie vorzustellen. Um dem Publikum „Täve – Die Autobiographie“ zu präsentieren, hat Schur den Münzenbergsaal im Redaktionsgebäude des „Neuen Deutschland“ ausgewählt. Ein historischer Ort, in dessen Umgebung sich Schur merklich wohl fühlt. Dazu trägt auch die Zusammensetzung des Publikums bei, unter den Hörern erblickt Schur alte Weggefährten und Freunde, die vertraute Umgebung lässt ihn euphorisch werden. „Wenn wir einander begegnen, liegt das Du im Blut“, ruft Schur dem Publikum zu. Jubel brandet auf. Und dann: „Jüngere Leute haben es schwer, sie haben nicht das Glück, erleben zu können, wie vertraut wir miteinander umgegangen sind. Diese Solidarität ist heute nicht mehr selbstverständlich.“ Wieder Jubel.

Es fällt schwer, Schur nicht in die Kategorie derer einzuordnen, die behaupten, früher wäre alles besser gewesen. Hätte Schur etwas anderes behauptet, sein Publikum wäre wohl enttäuscht gewesen. Täve Schur ist bis heute der beliebteste Sportler der DDR-Geschichte. Zu seiner aktiven Zeit wurde er zweimal Straßenrad-Weltmeister und durch seine erfolgreichen Teilnahmen an der Friedensfahrt, der Tour de France des Ostens, bekannt. Seine volksnahe und menschliche Art machte ihn beim Publikum beliebt. Im Gegensatz zu anderen Sportlern engagierte sich Schur stark in der Politik und saß viele Jahre als Abgeordneter in der Volkskammer der DDR. Nach dem Mauerfall zog er von 1998 bis 2002 für die PDS in den Bundestag ein. Zu dieser Zeit setzte sich Schur immer wieder für den Breitensport ein, das Thema ist ihm bis heute wichtig. Und so erzählt Schur, der in wenigen Tagen 80 Jahre alt wird, von der „hervorragenden Betreuung“, die ihm vom Kindergarten an zuteil wurde. Heute sei dagegen die „Gesundheit im Volke unterbrochen“. Schur verweist auf den Schulsport. Während er darüber redet, mühen sich im Nachbargebäude gestresste Großstädter an Gewichten und Hanteln ab. Vereinzelt blicken Leute aus dem Publikum ungläubig rüber ins Fitnessstudio. „Geldverdienen, Essen, Fernsehen, Reisen“ – Schur kritisiert die Art der heutigen Gesellschaft zu leben und die Menschen im anderen Gebäude wirken dabei wie fleischgewordene Repräsentanten dieses Lebensstils.

Bei all den Ausflügen in die Politik fällt es Schur nicht immer leicht, bei seinem Buch zu bleiben. Er liest einige Passagen, dann erzählt er lieber wieder aus freien Stücken: Von den Anfängen seiner Karriere etwa oder den Schwierigkeiten des Abtrainierens. Schur ist ein passionierter Redner, das Lesen überlässt er fortan seinem alten Freund Klaus Huhn. Huhn war 38 Jahre lang Chefredakteur des „Neuen Deutschland“ und ist das einzig noch lebende Mitglied der Gründergeneration der Zeitung, wie Moderator Olaf Koppe anmerkt. Huhn war zu DDR-Zeiten als Inoffizieller Mitarbeiter für das Ministerium für Staatssicherheit tätig, doch das spielt an diesem Abend keine Rolle.

Es wird feierlich. Täve Schur bekommt nun vom DDR-nahen Verein „Sport und Gesellschaft“ die Werner-Seelenbinder-Medaille für seine Verdienste um die antifaschistische Sportbewegung in der DDR überreicht. Schur ist sichtlich gerührt, genau wie das Publikum. „Der Täve hat sich das verdient“, sagt einer. Dann blickt der Mann aus dem Fenster. Ins Fitnessstudio. In eine andere Welt.

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