Ost-West-Debatte in der 3. Liga : Tickets für Holstein Kiel gegen FC Hansa Rostock nach Wohnort vergeben

Der Drittligist Holstein Kiel will durch eine ungewöhnliche Regelung verhindern, dass Rostocker Anhänger im Spiel am Mittwochabend im gesamten Stadion Unruhe stiften.

Tobias Potratz
Rostocker Fans genießen in Kiel nicht den besten Ruf.
Rostocker Fans genießen in Kiel nicht den besten Ruf.Foto: dpa

Eigentlich ist jeder Spieltag im Fußball eine große Einladung. Egal, wo du herkommst und wie du aussiehst, hier beim Fußball bist du willkommen und darfst dich dort hinsetzen, wo du möchtest und wofür du zu zahlen bereit bist. Doch diese scheinbare Selbstverständlichkeit gerät ins Wanken. Grund dafür ist das aus Sicherheitsaspekten hochbrisante Drittligaspiel Holstein Kiel gegen Hansa Rostock an diesem Mittwoch.

Laut Gudrun Zimmermann, Leiterin der Ticketzentrale von Holstein Kiel, dürfen Interessenten, die entweder direkt aus Rostock kommen oder aus einem Ort, der weniger als 100 Kilometer vom Rostocker Stadtkern entfernt liegt, ausschließlich Karten für den Gästeblock erwerben. Diese Regelung sei in Absprache mit dem Sicherheitsdienst im Stadion und der Polizei entwickelt worden. „Irgendwo muss man eine Grenze ziehen. Wir haben beim letzten Mal, als die Rostocker hier waren, sehr schlechte Erfahrungen gemacht“, sagt Zimmermann. Die Rostocker seien damals im gesamten Stadion präsent gewesen. Das soll diesmal unbedingt verhindert werden.

Einige Fans hatten sich im Internet beschwert, die Regelung richte sich gegen den Osten. Doch dass Fußballfans aus den östlichen Bundesländern keinen Zutritt zum Spiel haben, wird von Holstein Kiel zurückgewiesen. „Das wird alles missverstanden“, sagt Zimmermann.

Zu den einzelnen Beschwerden wollte sie sich nicht äußern. Eine Ticketanfrage unter der Wohnortangabe Frankfurt/Oder wurde jedenfalls problemlos bearbeitet. Dennoch hat die Herkunft des Zuschauers immer noch Auswirkungen auf die Ticketvergabe. Was passiert also mit den Kieler Fans, die in Rostock wohnen und wohl wenig Lust haben, das Spiel im Gästeblock zu verfolgen?

Die Grenze der Diskriminierung ist noch nicht überschritten

Christoph Schickhardt, Anwalt für Recht im professionellen Sport, spricht von einem „schwierigen Fall“. Die genannte Regelung sei zwar grundlegend zulässig, weil der Gastgeber immer entscheiden könne, wen er in sein Haus holt und wen nicht. Es sei jedoch ungerecht den Fans gegenüber, die mit der Sicherheitsproblematik überhaupt nichts zu tun hätten. „Solche Sicherheitsspiele erfordern viel Fingerspitzengefühl und vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen den Vereinen und dem DFB“, sagt der Jurist. Die Grenze der Diskriminierung sieht Schickhardt im konkreten Fall jedoch nicht überschritten. Unzulässig wäre seiner Auffassung nach, wie zunächst berichtet, der Ausschluss der Zuschauer aus dem gesamten Osten Deutschlands. „Hier gäbe es dann keine sachlichen Gründe mehr. Das wäre nicht zulässig“, sagt Schickhardt und ergänzt: „100 Kilometer finde ich aber auch schon zu viel. Das würde ja bei Stadtderbys gar nicht funktionieren.“

Die einzigen Ausnahmen der Gästeblock-Regelung beträfen Zuschauer mit Behinderung, sagt Holstein Kiels Fanbeauftragter Thomas Bartsch. Zuschauer, die gar nicht oder nicht für lange Zeit stehen können, würden auch außerhalb des Gästeblocks einen Sitzplatz bekommen, selbst wenn sie aus Rostock kommen.

Hansa-Fans reagierten verärgert über die Kartenvergabe

Hansa-Pressesprecher Lorenz Kubitz wollte die Kieler Regelung auf Nachfrage nicht kommentieren. „Die Verfahrensweise am Standort Kiel obliegt den dortigen Verantwortlichen“, teilte er mit. Etwas weniger diplomatisch hätten sich laut Gudrun Zimmermann einige Rostockfans geäußert. Sehr verärgert über die Art der Sitzplatzvergabe seien sie in den vergangenen Tagen aufgetreten und hätten die Mitarbeiter der Kieler Ticketzentrale wüst bedrängt und beschimpft.

Fantumulte gab es vor zwei Jahren in einem ähnlichen Fall in Berlin. Beim Zweitligaspiel zwischen dem 1. FC Union und Eintracht Frankfurt hatte der Deutsche Fußball-Bund (DFB) wegen Sicherheitsbedenken 1000 Frankfurter Fans den Zutritt ins Stadion verwehrt. Die Gäste kamen trotzdem ins Stadion und verschafften sich unter Anfeuerung der Unioner sogar Zutritt in den gesperrten Gästeblock. Gemeinsam protestieren beide Fanlager während des gesamten Spiels gegen den DFB.

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