Sport : Ostalgie in Rostock

Hansa will nicht schön spielen, sondern erfolgreich wie früher

André Görke

Rostock. Martin Max mag diese Fragen nicht, weil ihm der Gegner „herzlich egal ist“, am Samstag gehe es „nur um uns, um Hansa Rostock“. Da gebe es keine Gefühle, „nur Konkurrenzkampf“, sagt der Stürmer des FC Hansa. Und wenn er nun seinen ehemaligen Trainer Huub Stevens in die Arbeitslosigkeit schießt? Max schweigt. Mit Stevens hat er drei Jahre beim FC Schalke 04 zusammengearbeitet, da entsteht so etwas wie Nähe. Kann er einfach sagen, so sei nun mal der Job in der Fußball-Bundesliga? Max ist 35 Jahre alt, flotte Sprüche muss er nicht mehr machen, und irgendwann in dem Gespräch wird er sagen, dass „der Huub mir als Mensch richtig Leid tut“.

Dabei hat der Rostocker Stürmer mit seinem Arbeitgeber selbst genug Probleme. 19 Gegentore hat Hansa kassiert, nur Hannover hat noch mehr bekommen. Die letzten fünf Ligaspiele haben die Rostocker verloren, nun stehen sie auf Tabellenplatz 15. Und jetzt kommt Hertha BSC. „Die werden ackern wie ein angeschlagener Boxer“, sagt Rostocks Manndecker Jochen Kientz. Alle denken zwar an Hertha, aber keiner redet gern darüber. Die Situation des Gegners erhöht nur den Druck. Sie würden doch zum Gespött der Leute, wenn sie gegen die noch sieglosen Berliner verlieren würden.

Also lenken sich die Spieler ab. Am Mittwoch sind Martin Max und vier seiner Kollegen im Mannschaftsbus nach Dummerstorf gefahren, 20 Kilometer südlich von Rostock, immer die Bundesstraße 109 entlang. Als die Profis über den alten Parkettboden der Turnhalle einer Grundschule gingen, standen 300 Kinder vor ihnen und sangen: „FC Hansa, wir lieben dich total – FC Hansa, du bist so genial“. Auf der Holzplatte eines viel zu kleinen Schultisches stützte Trainer Juri Schlünz seine Arme ab, lächelte und hörte den Kindern zu. „War das schön“, hat Schlünz später gesagt. „Ist ja nicht selbstverständlich die Euphorie, oder?“

Vor fast drei Wochen hat Schlünz den Vertrag als Cheftrainer in Rostock unterschrieben. Er will nun von den Spielern das fordern, was vielleicht unter seinem Vorgänger Armin Veh zu kurz gekommen ist: Einsatz, Leidenschaft, auch wenn das Spiel dann nicht mehr gut aussieht. „Wir müssen jetzt wieder das Kämpfen lernen, das war früher unsere Stärke“, sagt Schlünz. Stagniert der FC Hansa Rostock also nicht, sondern entwickelt er sich zurück?

So dürfe man das nicht sehen, sagt Manfred Wimmer, der Vorstandsvorsitzende. „Aber wir haben nun mal Erfahrung im Abstiegskampf, mehr als Hertha. Das kann unser Vorteil sein.“ Dann erzählt er davon, dass die meisten Stadionbesucher aus dem Umland kämen, nicht mehr aus Rostock, fünf der 26 Vip-Logen immer noch zu haben seien, „früher haben uns die Leute das Haus eingerannt, da müssen wir wieder hin“. Marketingleiter Ralf Gawlack möchte langfristig gar das „Schalke des Ostens“ werden, ein Arbeiterklub mit Tradition, „aber einer, der modern handelt“. Die Moderne sieht bei den Rostockern im Moment so aus: Sie haben einen Trainer, der seit 1968 im Verein ist und nicht viel mehr an Erfahrung vorweisen kann, als viele Jahre als Assistent neben dem Cheftrainer gesessen zu haben. Das war die bequeme Lösung, sagen Spieler.

Heute kommt Hertha ins Ostseestadion, der angeschlagene Boxer. Gegen die Berliner hat Hansa vier der letzten fünf Heimspiele verloren. Gewinnt der FC Hansa, dann wird Martin Max vielleicht noch einmal gefragt. Ob es ihm wirklich herzlich egal ist, dass Huub Stevens in Berlin nicht mehr als Trainer arbeiten darf.

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