Sport : Osten? Nein, Norden!

1979 floh Jörg Berger aus der DDR, jetzt kehrt er zurück und will Rostock vor dem Abstieg retten

Friedhard Teuffel[Rostock]

Als Dynamo Dresden 1990 einen neuen Trainer suchte, hat der Verein auch Jörg Berger gefragt. Berger stammt schließlich aus der DDR, 1979 war er geflüchtet und hatte sich danach im Westen einen guten Ruf als Fußballtrainer erarbeitet. Doch Berger wollte nicht – nicht nach Dresden und auch nicht zu einem anderen Verein in der ehemaligen DDR. „Ich gehe nicht in den Osten.“ 14 Jahre später hat er sich doch anders entschieden. Seit gestern trainiert der 60-Jährige Hansa Rostock.

„Ich fühle mich nicht wie im Osten“, hat Berger in Rostock gleich gesagt. Das mag am neuen Stadion liegen und vielleicht auch daran, dass seine Gesprächspartner vom FC Hansa nicht viel vom ostdeutschen Existenzkampf erzählt haben. Hansa ist eher ein norddeutscher Klub. Dennoch weiß auch Berger, dass er nicht irgendeine Aufgabe übernommen hat. Er soll den FC Hansa vor dem Abstieg in die Zweite Bundesliga retten, den einzigen Erstligaklub aus dem Osten.

Hansa belegt den letzten Tabellenplatz, nur acht Punkte haben die Rostocker bislang geholt. Nach dem 0:6 am vergangenen Sonntag im eigenen Stadion gegen den Hamburger SV war Trainer Juri Schlünz zurückgetreten. Berger gilt als Spezialist für schwierige Fälle, viermal hat er einen Verein vor dem Abstieg in die Zweite Liga gerettet: den 1. FC Köln, den FC Schalke 04 und Eintracht Frankfurt gleich zweimal. Gegen den Ruf, ein Feuerwehrmann zu sein, der nach einem gelöschten Brand wieder verschwindet, wehrt sich Berger: „Ich habe Frankfurt, Schalke und Köln nicht nur vor dem Abstieg gerettet, sondern sie später in den Uefa-Cup geführt.“ Abgestiegen in die Zweite Liga ist er nur einmal, 1998 mit dem Karlsruher SC – in Rostock.

Dass ihm die Verantwortlichen in Rostock mehr zutrauen als nur die kurzfristige Rettung, haben sie ihm auch mit seinem Vertrag gezeigt. Er läuft bis 2006 und gilt auch für die Zweite Liga.

Jörg Bergers erste Worte in Rostock waren die üblichen. „Es ist schwer, aber ich war noch nie derjenige, der gesagt hat: Es ist unmöglich.“ Er wolle sich bis zum Spiel am Samstag bei Hertha BSC noch ein paar Spiele von Hansa Rostock auf Video ansehen, „und zwar die erfolgreichen“. Entscheidend sei das Positive, da wolle er Vorbild sein. Er kann das schon mit seiner Biographie tun, im Herbst 2002 wurde bei ihm Darmkrebs diagnostiziert. Er hat die Krankheit besiegt.

Sein erster Trainingstag war ein verregneter. Berger richtete auf dem Trainingsplatz ein paar Worte an die Mannschaft, dann übernahm Assistent Frank Engel das Aufwärmen. Engel hatte bis zum Sommer gemeinsam mit Berger bei Alemannia Aachen gearbeitet. Dort hatte Berger im vergangenen Sommer aufgehört. „Ich brauchte eine Pause zum Regenerieren“, sagte Berger. „Aber ich habe gemerkt, dass mir zu Hause die Decke auf den Kopf fällt. Meine Kinder haben sich beschwert, dass ich ihnen auf die Nerven gehe.“

Als Berger die Liste der Spieler vorgelegt bekam, hat er bei einem Namen gestutzt. Martin Max stand noch drauf, der Stürmer hatte in der vergangenen Saison 19 Tore für Hansa erzielt. Sein Vertrag läuft zwar noch bis zum nächsten Jahr, aber aus gesundheitlichen Gründen wollte er nicht mehr spielen. Berger sagte: „Natürlich werde ich Kontakt mit ihm aufnehmen.“ Doch der Umworbene sagte dem Internetanbieter „Sport1“: „Ich stehe definitiv nicht zur Verfügung.“ So musste Jörg Berger bereits den ersten Rückschlag hinnehmen. Am ersten Arbeitstag.

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