Ostermaier über Klinsmann : "Er kann eine Epoche einleiten"

Jürgen Klinsmann ist der richtige Mann für die Bayern – findet Albert Ostermaier. Allerdings hat der Literat und Fußballfan auch Seiten am neuen Trainer entdeckt, die ihm weniger gefallen. Ein Interview.

Ostermaier
Albert Ostermaier beschäftigt sich in seinen Werken häufig mit Fußball. -Foto: Ullstein

Herr Ostermaier, was haben Sie gedacht, als Jürgen Klinsmann 1997 die Bayern verlassen hat?

Das war etwas zwiespältig. Auf der einen Seite hat mir Klinsmanns dynamische und leidenschaftliche Spielweise immer gefallen – dieser Spirit, um mit seinen Worten zu sprechen. Deshalb war ich schon enttäuscht, dass er ging. Auf der anderen Seite hat mich als Fan gestört, wie hart er immer verhandelt hat, wie sehr er auf den Idealverlauf seiner Karriere fixiert war.

Sie sind seit vielen Jahren Gast auf der Tribüne des FC Bayern. Wir wollen mit Ihnen über die Identifikation des Vereins reden – jetzt da Klinsmann zurückkehrt.

Mir ist eines wichtig: Jürgen Klinsmann hat schon damals als Spieler einen modernen, aufgeklärten Spielertyp verkörpert. So einer ist mir tausendmal lieber als windschnittige Gelfrisuren.

Uli Hoeneß hat gesagt, dass Klinsmann damals zwar mit dem Körper, aber nie richtig mit Herz und Geist dabei war.

Das kann man so sehen. Auch mir hat da die Identifikation mit dem Verein gefehlt. Das ist natürlich eine sehr romantische, naive Sichtweise und Projektion – die man als Fan aber haben darf. Er kam eben ein bisschen berechnend und kalt rüber. Was mich später auch sehr gestört hat, war Klinsmanns Umgang als Bundestrainer mit Oliver Kahn und mit Sepp Maier. Sepp Maier war mein großes Idol. Durch ihn bin ich Bayernfan geworden.

Sie klingen sehr reserviert. Was haben Sie dann am 11. Januar 2008 gedacht, als bekannt wurde, dass Klinsmann neuer Bayerntrainer wird?

Ich fand, dass es eine absolut richtige Entscheidung war.

Und woher kommt dieser Sinneswandel?

Ich hatte meine Vorbehalte wegen früher, klar. Aber Klinsmanns Position ist ja heute eine ganz andere. Früher war er nur Spieler, ein Angestellter mit limitiertem Verhältnis zum Arbeitgeber. Aber heute hat er ja ein viel größeres Aufgabenfeld, gerade abseits vom Platz. Er hat die Chance, den Verein kreativ umzuformen für die Zukunft, er kann eine neue Epoche einleiten. Und das ist erst mal vor allem sein Ding. Deshalb glaube ich, dass die Identifikation mit dem Verein diesmal naturgemäß viel höher ist.

Ob Uli Hoeneß inzwischen auch so denkt?

Ich denke, es war eine geradezu visionäre Entscheidung von Uli Hoeneß, ihn zu holen. Jürgen Klinsmann kann, unabhängig von seiner genauen Position, dessen Arbeit weiterführen.

Inwiefern?

Klinsmann ist ein Herausforderer. Er wird jedem Spieler implantieren, dass er selbst für seine Fähigkeiten verantwortlich ist. Ich finde es modern, dass er nicht auf dieses willenlose Kollektiv setzt, in dem jedem sogar die Schuhe gebunden werden. Jetzt werden Spieler wieder mehr als Persönlichkeiten begriffen. Das finde ich sehr wichtig.

Zu Klinsmanns Arbeit gehört es, den Teamgeist zu beschwören. Bei der Nationalmannschaft hat das dazu geführt, dass das Auftreten der Spieler nach außen etwas gleichförmig wurde – vielleicht aus Angst, den Kontrollfreak Klinsmann zu verprellen. Wird der FC Bayern nun auch langweiliger?

Ich glaube nicht, dass du eine Vereinsmannschaft so stromlinienförmig hinbekommst wie eine Nationalmannschaft, die ja nur für ein Turnier zusammenkommt. Hier hat man eine ganz andere Soziodynamik. Jetzt wirkt alles noch wie die große Harmonie-Familie. Aber jetzt glaubt auch noch jeder, dass er spielt. Lass uns erst mal anfangen.

Gerade der Begriff „Familie“ spielt eine Rolle in Klinsmanns öffentlichen Einlassungen. Kürzlich hat er einen offenen Brief an die Fans geschrieben, in dem er von der „Vereinsfamilie“ spricht.

Man spricht immer leicht von einer Familie. Ich denke bei dem Begriff „Familie“ immer auch an Ibsen und Strindberg. Eine Familie lebt von den Biografien der Konflikte. Aber Familie heißt auch, dass man, wenn es hart auf hart kommt, zusammensteht. In diesem Sinne hat Familie eine Kraft. Aber an so ein weichgezeichnetes Bild von Familie glaube ich nicht.

Ist Klinsmanns Vokabular Weichzeichnerei?

Ich denke, dass das einfach zu seinem Motivationsvokabular gehört. Familie klingt erst mal wärmer und vertrauenschaffender als zum Beispiel Gemeinschaft – ein Begriff, der schon ein höheres Maß an Abstraktion beinhaltet.

Wie authentisch wirkt der stets lächelnde Klinsmann auf Sie?

Er hat bestimmt mehrere Seiten, und er weiß, welche er zeigt und welche er verbirgt. Aber letztlich ist das auch egal. Das entscheidende Kriterium ist die Professionalität. Und ich finde, dass er hochprofessionell arbeitet. Das ist im Literaturbetrieb genauso. Da mag ich es auch, wenn die Leute professionell arbeiten. Diese ganze Gefühlsduselei, wenn ein Künstler denkt, er kann sich alles rausnehmen, nur weil er Künstler ist, das finde ich lächerlich. Wenn die Bayern dank Klinsmanns Arbeit gut spielen, dann kann er von mir aus lächeln bis in die Unendlichkeit.

Sie haben kürzlich gesagt, dass Luca Toni perfekt zur Stadt München passt, mit der Grandezza, die er ausstrahlt. Passt Jürgen Klinsmann auch zu München?

Ich glaube: Wenn er in Deutschland überhaupt wohin passt, dann nach München. Klinsmann in Berlin oder in Hamburg kann ich mir viel weniger vorstellen.

Warum nicht Berlin?

Ich glaube, dass dieses Improvisierte, das Berlin ausstrahlt, ihm nicht liegt.

Er braucht die Münchner Ordnung?

Die Ordnung, die Lebensqualität und den Ehrgeiz. Das ist das, was er braucht. Klinsmann ist keiner für einen Verein, der rumkrebst wie Hertha BSC. Er muss schon bei einem der besten sein.

Überrascht es Sie, dass Jürgen Klinsmann als Bayerntrainer bisher stets im Trainingsanzug aufgetreten ist, auch bei den Spielen? Aus der Nationalmannschaft hatte man ihn schicker in Erinnerung.

Ich persönlich mag Trainer in Trainingsanzügen nicht. Dafür bin ich zu sehr Theatermensch. Das hat mit Stil, Geformtheit, mit Repräsentation zu tun. Ich bin ein Fan von César Luis Menotti. Er mit Anzug und Zigarette am Spielfeldrand – das ist viel mehr ein Fußballbild, das mir gefällt. Ich frage mich sonst immer: Warum hat der einen Trainingsanzug an? Der hat doch nichts auf dem Spielfeld zu tun, der hat nur den Weg von der Kabine zur Bank zu absolvieren.

Wahrscheinlich will ein Trainer in Sportklamotten Stallgeruch verbreiten.

Ich finde es aber viel spannender, wenn es auch eine ästhetische Differenz zwischen Spieler und Trainer gibt. Außer er will sich selbst einwechseln, dann gern.

Dem Thema Ästhetik und Fußball haben Sie ein eigenes Kapitel hinzugefügt, indem Sie dem von Ihnen verehrten Oliver Kahn fünf Oden gewidmet haben. Wer ist der Nächste, den Sie auf diese Art beehren werden?

Das ist im Moment schwer zu sagen. Man kann es auch einfach nicht abstrakt bestimmen. Es ist gar nicht so einfach, eine Ode an einen Fußballer zu schreiben. Derjenige muss sich erst einmal dafür auszeichnen. Wenn man die Form der Ode überhaupt weitertreibt, kann ich mir vorstellen, dass jemand wie Franck Ribéry in Frage kommt.

Und was ist mit Kahns Nachfolger Michael Rensing? Eigentlich müssten Ihnen als Schlussmann der Autoren-Nationalmannschaft die Torhüter ja besonders nahe stehen.

Rensing muss für eine Ode erst mal durch die Lüfte fliegen, da fehlen noch einige Unhaltbare. Da fehlt es noch an der Fallhöhe und an der Ikonografie Kahns, den Handschuhen, die er auf den Boden warf oder sein Privatleben. Es gibt aber einen anderen, dem ich für mich auf jeden Fall noch eine schuldig bin: Sepp Maier.

Das Gespräch führte Sebastian Krass.

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