Sport : Osteuropäische Fußballkunst: Das Wunder vom Balkan (Gastkommentar)

Roger Boyes

Balkanwoche in den Fußballstadien Belgiens und der Niederlande: Rumänien und Jugoslawien spielten mit Leidenschaft und zeigten weit mehr Fußball-Instinkt als die Ginseng-Senioren aus Deutschland und England. Die deutschen Kicker sollten sich etwas von dieser Balkan-Magie abschauen und vielleicht Zlatko als Trainer engagieren. Sein Shakespeare-Verständnis verschafft ihm die nötigen Insider-Kenntnisse, um England beim nächsten Mal zu schlagen.

Warum spielten Rumänen und Jugoslawen so überzeugend, Engländer und Deutsche so schwach? Geld regiert die Welt. 24 Stunden nach dem Debakel gegen Rumänien und dem Abschied von Charleroi packten David Beckham, Michael Owen und Alan Shearer die Koffer für einen Karibik-Urlaub. Die Niederlage und das Ausscheiden aus der EM haben ihr Leben nicht beeinflusst. Spiele in der Nationalmannschaft sind für sie längst Routine - vieleicht mit Ausnahme der Matches Deutschland-England. Sie verdienen locker 100.000 Mark pro Woche (die Einnahmen aus Werbung und Sponsoren-Verträgen nicht mitgerechnet) und müssen sich im Gegensatz zu den Spielern der 60er Jahre keine Sorge um ihre Zukunft nach Ende der Fußballer-Karriere machen. Mit einigen ihrer Nationalmannschaftsgegner spielen sie in der selben Vereinsmannschaft in der Bundesliga, englischen Premier League oder einem anderen europäischen Spitzen-Club - doch die Erfolgreichen der EM werden sie am Karibikstrand nicht treffen. Dem englischen und deutschen Fußball fehlt die Anziehungskraft, weil die Spieler sich selber nicht begeistern können. Ihre Spiele sind ungefähr so spannend wie eine Swinger-Party in Birmingham.

Rumänen und Jugoslawen kämpfen dagegen um Aufmerksamkeit. Die EM 2000 ist ihre große Chance, von den Talentsuchern wahrgenommen zu werden. Und sie sind entschlossen, ihre Länder auf der Europakarte hervorzuheben. Jugoslawien möchte beweisen, dass Fußballkunst die diplomatische Isolierung überwinden kann. Und Rumänien will die angebliche Verschwörung besiegen, die es im Westen gegen sich wahrnimmt: Notfalls, so argwöhnen sie, würden die Schiedsrichter dafür sorgen, dass die vermeintlichen Fußballzwerge vom Balkan im Viertelfinale ausscheiden. Der Balkan bringt eben rasch eine nervöse Schärfe ins Spiel, im Sport so gut wie in der Politik.

So wird die EM 2000 zu einer Generalprobe für die erweiterte EU mit 27 Mitgliedern. Die junge Generation hat das schon verinnerlicht. Während meine Altersklasse, die Rolling-Stones-Angela-Merkel-Jahrgänge, Schwierigkeiten haben, Slowenien von der Slowakei zu unterscheiden, kennen 14-Jährige den Namen des slowenischen Torwarts und können die Spitzen-Clubs von Ljubljana (Laibach) und Bratislava (Pressburg) aufzählen.

Die Entscheidungsmechanismen werden in einer EU mit 27 Mitgliedern komplizierter. Macht hängt dann von der Fähigkeit der großen Staaten ab, Koalitionen mit den Mittel- und Osteuropäern zu schmieden. Rumänien mit seinen 22 Millionen, Polen mit 39 Millionen Bürgern werden entscheidende Verbündete sein bei den nach der Bevölkerung gewichteten Abstimmungsmechanismen. Es ist höchste Zeit, Südosteuropa ernst zu nehmen. Fangen wir damit an, ihre Spieltechnik zu studieren - die Zukunft des europäischen Fußballs wie die der EU liegt im Südwesten und Südosten des Kontinents.

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