Ostfußball : Hoffnung im Süden

Klubverantwortliche diskutieren: Wie geht’s weiter mit dem Fußball in den neuen Bundesländern?

Matthias Scheffler
Foto: dapd
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Dresden - Sie ist verwaist, die Fensterfront des Vip-Bereichs mit dem Blick hinein in das Dresdner Stadion. „Wichtig ist auf dem Platz“ gilt erst wieder in einer Woche beim Heimspiel gegen den FSV Frankfurt. An diesem Mittwochabend ist in Dresden wichtig auf dem Sessel. Gegenüber der sonstigen Aussicht sitzen fünf Kenner des Ost-Fußballs und diskutieren über die Zukunft ihres liebsten Hobbys in diesem Teil der Republik.

Denn verwaist ist neben der Fensterfront auch die Landkarte der neuen Bundesländer, wenn es um erstklassigen Fußball geht. Nach dem Abstieg von Energie Cottbus 2009 aus der Bundesliga spielen aktuell neben den Lausitzern mit Erzgebirge Aue, Dynamo Dresden und Union Berlin vier Klubs aus der ehemaligen DDR in der Zweiten Liga. Fünf weitere stehen in Liga drei. Traditionsvereine wie Carl Zeiss Jena, Lokomotive Leipzig oder der 1. FC Magdeburg hängen in der Viertklassigkeit fest. Die Suche nach einer Antwort führt auch 2012 noch immer zurück in die Jahre nach der Wiedervereinigung. „Damals hat sich eindeutig zu wenig getan“, sagt Michael Schädlich, Präsident des Halleschen FC. „Da wurde enormes Potenzial verschenkt, Stadien und Leistungszentren kamen viel zu kurz. Gute Spieler verließen für gutes Geld die Klubs. Als ich 2002 als Präsident in Halle anfing, konnte ich davon nichts mehr finden.“

Die Industrie ist nach Aussage der Bundesregierung noch nicht in der Lage, als finanzkräftiger Unterstützer diese Verluste aufzufangen. Zahlen aus dem kürzlich veröffentlichten Bericht zum Stand der Deutschen Einheit belegen dies. Fast 30 Prozent lag das ostdeutsche Bruttoinlandsprodukt je Einwohner 2011 unter dem des westdeutschen. Höhere Arbeitslosenquoten gepaart mit niedrigeren Löhnen und Renten geben Andreas Koslowski vom Schweizer Sportvermarkter Infront recht, wenn er die fehlende Wirtschaftskraft als eine der Hauptursachen für den Ist-Zustand benennt.

Für Christian Beeck ist das Alltag. Bescheidenheit ist in Cottbus erste Sportdirektorenpflicht. Die Geheimnisse hinter der jetzt stabilen Wirtschaftslage sind daher auch keine. Nur Geld ausgeben, was man hat. Die TV-Übertragungsrechte bringen die Masse des Etats. Augen auf bei der Spielerwahl. Wechsel wie die von Nils Petersen für rund drei Millionen Euro zu Bayern München 2011 sind lebensnotwendig. Da klingt es beinahe entmutigend, wenn Beeck zugibt, dass „Energie wirtschaftlich mit der ersten Liga gar nicht mehr kalkuliert“.

Unbedingt dort hin will dagegen Rasenballsport Leipzig. Jedoch verharrt das Projekt von Großinvestor Red Bull im dritten Jahr in Folge sportlich in der Viertklassigkeit – auf der Sympathieskala der Konkurrenz wohl noch tiefer. Petrik Sander, derzeit Trainer bei Carl Zeiss Jena, sieht den Verein als „Wirtschaftsprojekt“, das „niemand am Ende verhindern kann“. Der Hallenser Präsident Schädlich hofft zumindest, dass „ein erfolgreicher RB die Region positiv beeinflusst“. Ob auch die Menschen, bleibt offen. Sportvermarkter Koslowski betont, wie schwierig es sei, Fans zu binden, wenn man keinen eigenen Markenkern, keine gewachsene Tiefenstruktur habe. Da bliebe wenig für eine Identifikation. „Vereine wie Rostock oder Cottbus weisen da viel mehr vor.“ Deren Entwicklung sehe er optimistisch.

Wo das Geld fehlt, müssen Ideen her. Schädlich etwa ruft die Vereine auf, stärker auf die Politik zuzugehen. Viele Politiker interessierten sich für den Sport, nur spreche sie niemand darauf an. Dabei könne mit Hartnäckigkeit in Parlamenten einiges erreicht werden. Sander sieht die Verbände in der Pflicht. „Die Regionalliga Nordost spielt mit nur 16 Teams. In der Regionalliga West sind es 20. Da fehlen vier Heimspiele. Das sind vier Argumente weniger im Kampf um Gelder.“ Also doch wieder die Wirtschaftskraft. Auch für Andreas Rettig ist das der entscheidende Faktor in der Entwicklung des Fußballs in Ostdeutschland. Der künftige Geschäftsführer der Deutschen Fußballliga glaubt, aus dem Osten könnten am ehesten Leipzig und Dresden demnächst wieder in der Bundesliga vertreten sein. Die Großstädte brächten das nötige wirtschaftliche Umfeld mit. Matthias Scheffler

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