Ottmar Hitzfeld : "Der Hunger bei jedem einzelnen Spieler ist noch da"

Dortmunds ehemaliger Meistertrainer Ottmar Hitzfeld über die Borussia anno 2011, Meistertrainer Jürgen Klopp und glückliche Menschen am Fenster.

Ottmar Hitzfeld, 62, wurde mit dem BVB 1995 und 1996 Deutscher Meister. 1997 gewann er die Champions League und den Weltpokal.
Ottmar Hitzfeld, 62, wurde mit dem BVB 1995 und 1996 Deutscher Meister. 1997 gewann er die Champions League und den Weltpokal.Foto: dpa

Herr Hitzfeld, Borussia Dortmund ist Meister. Freut Sie das, der alten Zeiten wegen?

Ich freue ich mich für Borussia Dortmund. Durch die Art und Weise, wie die Mannschaft aufgetrumpft hat, hat sie viele Fans glücklich gemacht. Mein Herz schlägt aber auch für Bayern, für beide Klubs, bei denen ich einen Teil meines Lebens verbracht habe.

Hat Sie der Titel für Borussia überrascht?

Es ist schon eine Überraschung, dass Dortmund bereits zum jetzigen Zeitpunkt Meister geworden ist. Und das mit einer derart jungen Mannschaft, bei der die Erwartungshaltung eigentlich Platz fünf war.

Worin liegen die Gründe für den Titel?

Natürlich hat man auch von einer Krise Bayerns profitiert. Nur so ist es ja auch möglich, dass eine Mannschaft wie Dortmund plötzlich so viele Punkte vor Bayern steht. Aber natürlich ist es auch eine herausragende Leistung Dortmunds.

Warum trat Dortmund praktisch über die gesamte Saison so dominant auf?

Es gibt solche Phänomene im Mannschaftssport. Plötzlich passt die Zusammenstellung einer Mannschaft und es ist auch das Glück da, dass junge Spieler zur Verfügung stehen. Und dann hat man natürlich auch Glück gehabt, dass ein Supertransfer gelungen ist mit Kagawa, der in der Hinrunde groß auftrumpfte.

Warum sind junge Spieler so wichtig?

Der Hunger bei jedem einzelnen Spieler ist noch da, man hat zuvor noch nichts erreicht, und wird dann getragen von der Euphorie. Das beschwingt und macht Kräfte frei. Denn Dortmund spielt einen sehr athletischen Fußball. Das funktioniert nur so lange, wie man sehr hungrige und junge Spieler hat.

Welcher Spieler hat Sie beeindruckt?

Weil die Dortmunder als Einheit auftreten, gefallen mir viele Spieler: Sahin als Regisseur im Mittelfeld, der die Fäden zieht, oder Götze, der schon sehr abgeklärt spielt und voller Spielfreude ist, Barrios, der voll eingeschlagen hat. Und die Abwehr mit Hummels und Subotic: zwei Garanten dafür, dass man oft zu null spielte.

Lässt sich das heutige Team mit Ihrem aus den Neunzigern vergleichen?

Zu meiner Zeit hatten wir mehr Stars in der Mannschaft. Spieler, die aus Italien zurückgeholt worden sind, und eine reifere, routiniertere Mannschaft, die mehr Substanz hatte. Darum konnten wir auch international in der Champions League mithalten. Da liegt heute vor Dortmund noch ein weiter Weg.

Ist der Meistertitel 2011 mit der jungen Truppe dann die größere Leistung?

Wenn man Deutscher Meister wird, dann steckt immer eine großartige Leistung dahinter. Das kann man nicht vergleichen. Denn die heutige Mannschaft hat nicht den Druck gehabt wie die Mannschaft zu meiner Zeit. Da ging man in die Saison mit der Erwartung, dass man Deutscher Meister wird.

Was ist Dortmund denn nun zuzutrauen? Die Titelverteidigung und ein Europapokal, wie damals bei Ihnen?

Sagen wir: Es ist nicht unmöglich. Aber es wird sehr schwer, weil es im nächsten Jahr eine andere Erwartungshaltung geben wird. Dann ist man der Gejagte, von Anfang an. Und dann wird sich zeigen, wie man mit den Begehrlichkeiten umgeht. Verschiedene Spieler werden Angebote bekommen und wollen dann beim eigenen Klub wieder verhandeln, da wird Unruhe aufkommen.

Wie hält man denn nun den Hunger nach weiteren Titeln hoch?

Wichtig ist, dass man den Spielern wieder das Vertrauen schenkt. Dazu dann ein oder zwei Transfers, die qualitativ auch etwas bringen. Es hat keinen Sinn, den Kader einfach nur aufzublähen, weil man in der Champions League spielen wird. Denn das bringt Eifersüchteleien.

Werden Sie Meistertrainer Jürgen Klopp gratulieren? Wie ist Ihr Eindruck von ihm?

Ich habe gar keine Handynummer von ihm, aber man lobt auch über die Zeitungen. Ich habe Klopp einmal kennengelernt, bei der Hundertjahrfeier von Borussia Dortmund. Er ist ein angenehmer Kollege, der auch menschliche Qualitäten hat und nicht nur Fachkompetenz besitzt.

Kann für Klopp nach seinem Meisterstück nur noch der Wechsel zu Bayern kommen?

Ich glaube, dass er jetzt erst mal bei Dortmund bleibt, weil er die Erfolge bestätigen will. Das ist eine schwierige Aufgabe, die Erwartungshaltung der Fans zu erfüllen und international für Furore zu sorgen, um nachher vielleicht irgendwann bei Bayern einzusteigen.

Sie haben zwei Meisterfeiern in Dortmund erlebt. Ist das noch mal etwas ganz Besonderes?

Dortmund wird wieder auf dem Kopf stehen. Da wird eine Rieseneuphorie herrschen. Wir sind damals auch drei, vier Stunden durch die Stadt zum Borsigplatz gefahren, da war eine Million Menschen auf den Straßen. Was mich beeindruckt hat, waren in den ärmeren Vierteln die vielen älteren Leute an den Fenstern. Die waren die glücklichsten Menschen. Da sind der Sieg und der Titel gleich noch mehr wert.

Das Gespräch führte Dominik Bardow.

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