Sport : Otto, der Barbar

Hilft es einer Mannschaft, wenn sie ihren Trainer versteht?

Wolfram Eilenberger

Noch vor zwei Wochen galt als Phantast, wer Guus Hiddink oder Arsène Wenger zum deutschen Nationaltrainer vorschlug. Ein Ausländer? Niemals! Doch mit Hitzfelds mysteriöser Absage schien das Undenkbare auf einmal möglich. Dabei war es nicht Einsicht, sondern pure Hilflosigkeit, die einen desorientierten DFB-Präsidenten dazu bewegte, den Kandidatenkreis für ausländische Trainer zu öffnen und die Auswahl auf ein einziges Kriterium zu schärfen: Eines müsse dieser Mann beherrschen, die Sprache unseres Volkes.

Nun, da Otto Rehhagel als einziger nicht durchgestrichener Name auf der Liste verweilt, gebiert diese Anforderung ein ungutes Paradox. Zwar wird Griechenlands Gottestrainer mittlerweile jede erdenkliche Kompetenz angedichtet, doch eines kann Otto nicht und wird er wohl auch nie können: Griechisch. Europameister wurde er dennoch. Und da selbst eine Woche nach dem „Wunder von Lissabon“ noch keine überzeugende Erklärung vorliegt, wie es zu diesem Erfolg kommen konnte, wäre zu erwägen, ob Ottos Siegeszug nicht mit seiner fehlenden Sprachkenntnis zusammenhängt.

Die alten Griechen pflegten menschliche Wesen, die ihrer Sprache nicht mächtig waren, als „Barbaren“ zu bezeichnen. Aus diesem diskriminierenden Begriff sprach kulturelles Selbstbewusstsein: Nur auf Griechisch ließe sich wahrhaft denken und philosophieren. Mit der gleichen Hartnäckigkeit, die einen Sprachlosen in der Fremde zum Vollidioten stempelt, kann er allerdings auch zum Weisen erhoben werden. Ob das geschieht, hängt davon ab, welche Wertschätzung die Kultur des Fremden genießt. Und was Griechenlands Philosophie den Deutschen bedeutete, war deutsche Fußballkultur den Griechen – ersehnte Weltspitze. Genießt ein Fremder erst einmal solch einen traditionsbedingten Autoritätsbonus, muss er sich schon dämlich anstellen, um ihn wieder zu verspielen. Ferner steht fest: Die Intelligenz, die einen guten Fußballer auszeichnet, ist nicht sprachlich bedingt. Immer wieder wird des Torjägers Satz „Ich spiel mein Spiel, und der spielt sein Spiel“ amüsiert zitiert. Dabei ist es genau dieses instinktnahe und sprachferne Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, das einen großen Sportler auszeichnet.

Die Anwendung dieses Gedanken auf das wundersame Wirken Rehhagels in Griechenland liegt auf der Hand. Denn wenn ein Spieler nicht versteht, was sein Trainer ihm sagt, dann öffnet ihm das die Notwendigkeit, sich ganz auf seine eigenen Stärken zu konzentrieren, gleichsam auf die Stimme seines Leibes zu hören. Dass in diesem Leib Stärken schlummern, weiß der Spieler. Schließlich hätte ihn der weise Fremde sonst nicht aufgestellt. Ausbleibendes Verständnis fördert hier zweifellos das Vertrauen in die eigenen Stärke. Und nirgendwo wirkt sich solch eine Besinnung produktiver aus als bei euphoriebedürftigen Südländern.

Noch heilsamer wirkt sich die geteilte Sprachlosigkeit auf der Mannschaftsebene aus. Geeint in dem Verdacht, wesentliche Anweisungen mögen ihm entgangen sein, verlässt das Team die Kabine. Dieses permanente Unbehagen fördert – es kann nicht anders sein – die Verständigungsbereitschaft unter den Spielern. Man spricht mehr und intensiver über taktische Fragen, erörtert eigenständig neue Spielzüge, kurz, es kommt zu Prozessen der Selbstorganisation, die ganze neue Möglichkeiten freilegen und ein ungeahntes Wir-Gefühl erzeugen.

Natürlich geht es nicht ganz ohne Strukturvorgaben. Aber die wesentlichen Eingriffe von Außen lassen sich auch ohne Sprache kommunizieren. Rehhagels nonverbaler Höchsteinsatz an der Seitenauslinie bewies dies. Ausschweifende Armbewegungen von links nach rechts, universal verständliche Beschwichtigungsgesten, Pfiff durch die Hände, ein ausgestreckter Zeigfinger. Mehr Information nimmt während des Matches sowieso kein Spieler auf. Die grandiose Vereinfachung, die sich aus der Sprachlosigkeit ergibt, wirkt auch auf der wichtigen Ebene der Einzelgespräche – vorgeblich Rehhagels Spezialdisziplin. Kein Lavieren, kein bedrückender Interpretationsaufwand, nur klare Ansagen: Du gut! So nicht! Ich dir vertrauen! Muss ein gestandener Nationalspieler mehr wissen?

Beim ersten Erfolgserlebnis verstärkt sich diese Gewinndynamik dann von selbst, und wird fortan von keinem verständlichen Wort mehr getrübt. Nicht zuletzt vermag, wie das Beispiel Rehhagel zeigt, auch das Verhältnis von Medien und Trainer von solch einer Sprachbarriere profitieren.

Niemand glaubt ernsthaft, dass Otto Rehhagel sein Wunder in Deutschland wiederholt. Niemand hielt und niemand hält Rehhagel für den besten Mann. Er ist eine Notlösung, die deutsch spricht. Wenn es also überhaupt eine Lehre aus seinen sagenhaften Erfolg geben sollte, dann die, das Suchkriterium noch einmal auszuweiten und es auch bei uns mit einem kompetenten „Barbaren“ zu probieren.

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