Sport : Out of Hohenschönhausen

Die Berliner Eisbären trifft der Wechsel ihres Kapitäns John Gruden nach Amerika hart

Claus Vetter

Berlin. Treueschwüre im professionellen Sport? Nun ja, mit deren Verfallsdatum ist es nicht so weit her. Vor einem halben Jahr war es, als John Gruden über sein hervorragendes Verhältnis zu seinem Arbeitgeber referierte. „Ich will in Berlin bleiben“, sagte der US-Amerikaner. „Denn ich möchte mit den Eisbären Meister werden.“ Das mit dem Meister hat vergangene Saison in der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) nicht geklappt, die Berliner scheiterten im Halbfinale. Und es wird wohl in der Kombination EHC Eisbären und Gruden auch künftig nichts mit dem Titel: Am Dienstag, kurz vor Mitternacht in den USA, hat Gruden für ein Jahr bei den Washington Capitals in der National Hockey League (NHL) unterschrieben.

Der Abgang ihres Mannschaftskapitäns ist für die Eisbären ein herber Verlust. Der Amerikaner war bester Verteidiger in Hohenschönhausen. Ganz überraschend kommt der Wechsel aber nicht: Schon im Herbst hatte sein ehemaliger Coach bei den Grand Rapids Griffins, Reserveteam vom NHL-Klub Ottawa Senators, Bruce Cassidy, gesagt: „Wäre John nicht nach Berlin gegangen, würde er jetzt in Washington spielen.“ Cassidy ist inzwischen Cheftrainer der Wahington Capitals.

In den vergangenen Tagen hatten bereits einige Spieler aus der DEL einen Vertrag in der NHL unterschrieben. Mannheim hat es dabei besonders hart erwischt: Die Adler verloren mit Marcel Goc, Dimitri Pätzold und Christian Ehrhoff drei deutsche Talente an San Jose. Verträge in der DEL sind bei einem Wechsel in die NHL nichts wert, das haben Weltverband IIHF und NHL so geregelt. Einzige Bedingung: Der Vertrag in der NHL muss bis zum 15. Juli unterschrieben werden. Gruden, der in der NHL schon 84 Spiele absolviert hat, hat die Frist genutzt. Sein Vertrag in Berlin bis 2004 ist damit hinfällig.

Bei den Eisbären sind die Meinungen geteilt. „Es ist doch eine Wertschätzung, wenn Spieler von uns in die NHL wechseln“, sagt Trainer Pierre Pagé. Der Umstand, dass die Berliner zwei Wochen vor Trainingsbeginn der Profis nur noch drei Verteidiger mit DEL-Erfahrung im Kader haben, irritiert Pagé nicht: „Wir waren auch vergangenes Jahr ein Last-Minute-Team. Peter wird’s schon richten.“ Der Manager sieht das nicht so locker. „Das ist unglücklich für uns. Aber was sollten wir machen, die Spieler aus der DEL sind für die NHL-Klubs billig“, sagt Peter John Lee. Im Vergleich zu einigen seiner neuen Teamkollegen ist Gruden für die Capitals wohl ein Schnäppchen: Stürmer Jaromir Jagr verdient elf Millionen Dollar, der deutsche Torwart Olaf Kölzig lässt sich ein Dienstjahr mit sieben Millionen Dollar vergüten.

Für Gruden dürfte es also genug zu verdienen geben. Zudem ist der Wechsel für den aus Eveleth im US-Bundestaat Minnesota stammenden Verteidiger die letzte Etappe bei der Verwirklichung seines Kindheitstraums. In seinem Heimatort steht die Hall of Fame, die Ruhmeshalle des Eishockeys. „Natürlich wollte ich Eishockeystar werden“, hat er mal gesagt. John Gruden hat es geschafft, er ist im reifen Alter von 33 Jahren sogar noch in die NHL gewechselt – so bitter es für die Eisbären auch ist, dass er im Januar noch etwas anderes erzählt hat.

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