Sport : Out wie der Schnauzbart

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Benedikt Voigt über die Suche

der Handballer nach dem Zeitgeist

Jetzt träumen wieder alle. „Quoten, die der Handballsport noch nie erlebt hat“, verspricht Ulrich Strombach der ARD für den Sonntag. Dann dürften die deutschen Handballer, wenn das Halbfinale planmäßig läuft, das Endspiel bei der HandballWeltmeisterschaft in Portugal bestreiten. „Es herrscht allgemeine Aufbruchstimmung“, erklärt der Präsident des Deutschen Handball-Bundes, „unser Sport ist auf dem Weg, die Beachtung zu finden, die er verdient“. Handball möchte dorthin zurück, wo der Sport kurz nach 1978 war. In den Mittelpunkt des Interesses. Nun soll es wieder so werden. Die eigene Mannschaft spielt toll, die Journalisten schreiben, die Zuschauer schalten den Fernseher ein. Was wird das erst für ein Boom, wenn Deutschland wie 1978 Weltmeister wird?

Er wird kurz ausfallen. Handball hat den Anschluss an den Zeitgeist irgendwann in den späten Achtzigerjahren verpasst. Er besitzt zwar in Deutschland nach wie vor seine Stammkundschaft, darunter 850 000 Verbandsmitglieder. In der breiten Bevölkerung aber ist der Sport out wie der Schnauzbart von Heiner Brand. Der Bundestrainer wundert sich: „Die öffentlich-rechtlichen Sender übertragen doch lieber Radsport oder Eisschnelllaufen.“ Das freilich liegt an Jan Ullrich, Claudia Pechstein und Anni Friesinger. Welchen Handballer kennt der Sportinteressierte? Stephan Kretzschmar, natürlich, den Musikkanal-Moderator-Franziska-van-Almsick-Freund-Handballspieler. Sonst?

Die Konkurrenz um den zweiten Platz in der Publikumsgunst hinter Fußball ist mit Eishockey und Basketball stark. Eine Rekordquote im Finale könnte helfen, doch mit der Übertragung im Ersten wird es nichts. Die Niedersachen-Wahl drängt das Endspiel ins dritte Programm. Der nächste Rückschlag.

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