Sport : Pack die Badehose aus

Ohne Rennanzug siegt Thomas Lurz über zehn Kilometer bei der Schwimm-EM

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Berlin - Für den Ganzkörperanzug hat es nun doch nicht gereicht, so schnell konnte der Hersteller nicht liefern. Aber am Dienstagabend trafen wenigstens neue eng anliegende Badehosen, die sogenannten Jammers, bei der deutschen Mannschaft ein. Thomas Lurz ist ein harter Typ, er setzte sich auch in einer langen Badehose durch. In 1:54,22,5 war der Würzburger gestern beim Auftakt der Schwimm-Europameisterschaften in Budapest 2,3 Sekunden schneller als der Italiener Valerio Cleri, der wie vier andere Schwimmer einen Ganzkörperanzug trug. Doch der Europameister von 2006 gewann über zehn Kilometer vor dem Weltmeister von 2010, so sah es am Ende aus. Lurz verteidigte im Plattensee nicht bloß seinen Titel, er gewann auch zum dritten Mal in Folge bei einer EM über diese Strecke. Vier Mal ist er nun insgesamt Europameister über diese Distanz. „Ich wusste, dass ich auf den letzten 500 Metern der Schnellste bin und eine Medaille sicher habe“, sagte er am Ufer den Reportern.

Heute, über fünf Kilometer, wird er wohl wieder in seiner Badehose mit den Wellen kämpfen, mit einer schlechteren Gleitfähigkeit als seine Konkurrenten, die wie Leberwürste in ihre Ganzkörperanzüge gezwängt sind. Aber was soll er sich darüber ärgern, er kann es nicht mehr ändern. Gemosert hatte er schon unmittelbar vor der EM. „Das ist scheiße. Man trainiert das ganze Jahr, und dann so was“, hatte er geknurrt, nachdem der Weltverband die Ganzkörperanzüge der Deutschen Mitte Juli verboten hatte. Die Ersatzanzüge aber sind noch nicht geliefert worden.

Die erste Medaille für die Deutschen also, immerhin. 20 weitere sollen es noch werden bei der EM. Dieses Plansoll hat Lutz Buschkow ausgegeben, der Sportdirektor des Deutschen Schwimmverbands (DSV). Nicht völlig freiwillig, deshalb ist dem Sportchef auch das Problem seines Verbandes bewusst. Der Deutsche Olympische Sportbund hat den DSV im aktuellen Olympiazyklus mit Medaillenvorgaben enorm unter Druck gesetzt, jetzt soll das hochtrainierte Fußvolk liefern. Nur funktioniert das am Reißbrett nicht immer so, wie sich das die Theoretiker vorstellen. Intern werden die Vorgaben von den Trainern jedenfalls ziemlich heftig kritisiert. Logisch, schließlich werden mit der Medaillenplanerei Erwartungen geschürt, die nur schwer zu erfüllen sind. Viele Athleten betrachten ein EM-Jahr anders als ein WM- oder gar Olympiajahr, sie stufen es eher als ein Zwischenjahr ein.

Trotzdem bleibt Buschkow nichts anderes übrig, als zu sagen: „Wir wollen wieder die erfolgreichste Mannschaft stellen. Elf Medaillen sind unser Ziel.“ Bei den Beckenschwimmern, meint er. Sieben weitere Medaillen soll die Sparte Kunst- und Turmspringen beisteuern.

Elf Medaillen sind eine ambitionierte Vorgabe, wenn man bedenkt, dass Doppel-Olympiasiegerin Britta Steffen verletzungsbedingt fehlt und Helge Meeuw, 2006 Europameister über 50 Meter Rücken, sich in diesem Jahr um sein Medizinstudium kümmert. „Der Ausfall von Britta kostet uns sicher drei bis vier Medaillen“, sagt Cheftrainer Dirk Lange bekümmert. Die Berlinerin wird auch in den Staffeln fehlen. In Budapest stieg Steffen vor vier Jahren zum Star auf. Vier Titel gewann sie damals in Einzelrennen und mit der Staffel.

Nun muss es also Paul Biedermann richten, der Weltmeister und Weltrekordler. Steffens Freund peilt die Titel über 200 Meter und 400 Meter Freistil an. Was denn sonst? „Als Weltmeister springt man nichts ins Wasser, um bei einer EM um Bronze zu kämpfen.“ Über 200 Meter Freistil startet er als Titelverteidiger.

Andererseits können sich jetzt auch Talente stärker positionieren. „Für die jüngeren Athleten ist der Ausfall der Stars eine Chance“, sagt Lange. Eine der Hoffnungsträgerinnen ist Silke Lippok, 16 Jahre alt, Deutsche Meisterin von 2010 über 200 Meter Freistil in 1:57,51 Minuten. Die Gymnasiastin aus Pforzheim holte bei der Jugend-EM 2009 vier Mal Gold, sie gilt als eines der größten Talente im DSV.

Budapest ist nebenbei auch ein Versuchslabor. Hightech-Anzüge sind seit 2010 für Beckenschwimmer verboten. Das beendet zwar die Weltrekordflut. Doch jetzt haben alle Trainer das Problem, ihr Training auf die neue Situation umzustellen. Wie gut sie dabei sind, erkennen sie erst beim Wettkampfhöhepunkt.

Thomas Lurz hatte in Sachen Material sein ganz eigenes Problem. Aber wie gut er damit umgeht, hat er gestern eindrucksvoll bewiesen.

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