Sport : Packt die Helme weg! Wir kommen nicht

England jammert noch immer über sein Scheitern in der EM-Qualifikation. Jetzt gibt es eine widersprüchliche Ersatzstrategie: Europameisterschaft ignorieren, aber feiern, wenn Premier-League-Spieler dort Erfolg haben

Barney Ronay

Es hat sich ja alles ein bisschen beruhigt. Erst waren wir total durcheinander und wurden hysterisch. Den Trainer rauszuwerfen, hat dann geholfen. Jetzt verfolgen die meisten Leute eine doppelte Bewältigungsstrategie: Ignorieren, dass die EM überhaupt stattfindet und so tun, als wenn uns das alles nichts angeht. Dies ist zum Teil ein Erfolg der fröhlichen PR, die den englischen Fußball dank der Premier League und dem Bezahlfernsehen dieser Tage umgibt. Die Fassade des Ersatzoptimismus wurde durch den Erfolg der englischen Klubs in der Champions League aufrecht erhalten. Wenn die Fans des Nationalteams bereit sind, dabei mitzumachen, dann liegt das auch an der Erkenntnis, wie schlecht die Mannschaft in der EM-Qualifikation war.

Normalerweise bemühen wir das Pech oder gutes altes europäisches Schummeln als Erklärung für unsere Niederlagen. Dieses Mal aber war England wahrhaft düster. Die Niederlagen gegen Russland und Kroatien wirkten umso schockierender, als unsere aktuelle Spielerschar als „goldene Generation“ gehandelt wurde. Die Verpflichtung des unversöhnlichen Fabio Capello als Nationaltrainer für den hilflosen Steve McClaren passte dann zu den neuen Gefühlen des Selbsthasses. Bis dato hat Capello den Kapitän, John Terry, ausgemustert und unserem besten Spieler, Wayne Rooney, gesagt, dass er besser werden muss. Das gab Applaus. Ein furchterregender Italiener, der uns zusammenstaucht, ist genau was wir brauchten.

Die EM verpasst zu haben, hat also auch Vorteile. Zunächst setzt sich die Erkenntnis durch, dass der englische Klubfußball selbstzufrieden geworden ist. Die Fernseherlöse machen es möglich, dass sogar mittelmäßige Klubs Talente aus dem Ausland gleich en gros importieren. Wenn 63 Prozent der Spieler aus dem Ausland kommen, schrumpft das Reservoir fürs Nationalteam. Das EM-Aus hat den englischen Verband und die Klubs gezwungen, mehr junge Spieler auszubilden.

Auch für die Fans gibt es Trost. Dieses Mal können wir den Fußball genießen, ohne obsessive Updates der Medien aus dem englischen Mannschaftshotel. In früheren Turnieren ohne England adoptierten die Fans andere Teams. Diesmal geht es dabei um Loyalitäten aus der Premier League. Manchester-United-Fans haben sich mit Cristiano Ronaldo über Portugals Auftaktsieg gegen die Türkei gefreut. Middlesbrough-Fans haben sich mit Tuncay geärgert. Und alle englischen Fußballfans werden mit Interesse verfolgen, ob ein Kroate oder Pole, der ein halbwegs gutes Spiel gegen Deutschland zeigt, in der nächsten Saison bei Manchester City oder Wigan auftaucht.

Und dann noch die Hooligans, sonst alle zwei Jahre ein Grund dafür, dass alle Welt England für peinlich hält. Engländer werden diesmal keine Plastikstühle über ansonsten verschlafene Dorfplätze schmeißen. Die reisende Armee der rotgesichtigen, halbnackten, tätowierten, falsch singenden, Bier hinunterstürzenden Grobiane mittleren Alters bleibt zu Hause. Europas Polizisten! Ihr könnt Eure Helme und Schilde wegpacken. Wir kommen nicht.

Der Autor arbeitet für die Zeitung „The Guardian“ und das Fußballfanmagazin „When Saturday Comes“. Übersetzt von Markus Hesselmann. Ausführlichere Version auf www.tagesspiegel.de/em2008.

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