Sport : Pädagogisch wertvoll

Die Bayern glauben vor dem Spiel gegen Brügge, dass die erste Niederlage der Saison sie nur stärker macht

Daniel Pontzen[München]

Uli Hoeneß pflegt eine Abscheu gegenüber allem, was mit Krediten zu tun hat. Leben auf Pump ist dem Manager von Bayern München suspekt. Vielleicht war Hoeneß deshalb so milde gestimmt nach der ersten Münchner Saisonniederlage am Sonnabend, denn ein bisschen war es mit der bis dahin anhaltenden Siegesserie wie mit geliehenem Geld: Beides droht eigene Defizite zu kaschieren und verführt, sich selbst etwas besser einzuschätzen, als man ist – vor allem dann, wenn Außenstehende einen dauernd auf die Übermacht des eigenen Vermögens hinweisen.

Auf solche Bescheinigungen hätten die Bayern-Bosse in den vergangenen Wochen gern verzichtet, denn irgendwann, so hat Hoeneß beobachtet, habe „die Mannschaft selbst geglaubt, was sie seit sechs Wochen hört und liest: dass sie eine Übermannschaft ist, die keine Gegner mehr hat und unschlagbar ist“. Insofern war die Erleichterung der Herren aus der Führungsriege nach dem 0:2 in Hamburg keine überspielte Enttäuschung, sondern der Hoffnung geschuldet, dass die Spieler rechtzeitig einen realistischen Blick für das eigene Leistungsvermögen gewinnen. „Wir haben noch kein einziges Mal in dieser Saison gut gespielt“, hatte Hoeneß schon nach dem 1:0 zum Champions-League-Auftakt in Wien beanstandet, während Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge ausführlich vor Selbstgefälligkeit gewarnt hatte.

Jetzt also ist der befürchtete und irgendwie doch herbeigesehnte Fall eingetreten, und Kapitän Oliver Kahn befand, dass es „eigentlich keinen besseren Zeitpunkt für diese Niederlage geben“ konnte. Die Erkenntnis der eigenen Verwundbarkeit kommt gerade rechtzeitig, denn bei Spielen im Drei-Tages-Rhythmus müssen die Bayern sämtliche Kräfte bündeln, um in allen Wettbewerben die günstige Ausgangslage zu bewahren. Einen Knacks bringe die Niederlage daher keineswegs, „das Gegenteil wird eintreten“, kündigte Kahn an, „die Mannschaft wird wieder viel konzentrierter spielen und auch trainieren“.

Wie schnell sich das für die Bayern auszahlt, lässt sich vielleicht schon am Dienstag beobachten, wenn der FC Brügge zur Champions-League-Premiere in der neuen Arena (20.45 Uhr, live bei Premiere) gastiert. Der Belgische Meister kommt den Münchnern in ihrer verspäteten Selbstfindungsphase nicht ungelegen: Nach der 0:1-Heimniederlage gegen das Durchschnittsteam aus Lokeren ist die Stimmung eher mies, zudem klagt der Trainer über Verletzungssorgen. Mannschaften in solchen Situationen zu unterschätzen sei aber „das Gefährliche am Europapokal“, warnte Bayern-Trainer Felix Magath, der voraussichtlich erneut Paolo Guerrero als zweiten Stürmer neben Roy Makaay aufbieten wird; für einen Platz im Mittelfeld machte er Bastian Schweinsteiger Hoffnung.

Für Kahn geht es darum, „dass wir unser Ziel im Auge behalten, weiter zu kommen als letztes Jahr“, ohne sich von den allzu euphorischen Prognosen der vergangenen Wochen blenden zu lassen. „Zu glauben, dass diese Mannschaft wieder mit 15 Punkten Vorsprung Meister wird und mit 60 Prozent ihrer Leistungskraft ins Halbfinale kommt, ist Idiotie.“ Der Kapitän sah daher einigen pädagogischen Nutzen in der Niederlage, grundsätzlich mochte er den  Wert von Erfolgsserien jedoch nicht in Frage stellen. Er selbst habe in der Münchner Arena noch kein Gegentor bekommen, sagte Kahn, „und ich hoffe, dass ich das so lange wie möglich aufrechterhalten kann“.

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