Pal Dardai im Interview : "Früher hatte Hertha andere Typen"

Pal Dardai im Interview mit Tagesspiegel.de über Herthas große Europapokalzeiten, das Spiel am Donnerstag gegen Benfica Lissabon - und die Kraft des ungarischen Rotweins.

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Pal Dardai, 32, ist einer der dienstältesten Spieler von Hertha BSC. Noch vor dem Bundesligaaufstieg kam er 1997 nach Berlin....Foto: ddp

Herr Dardai, mit Benfica Lissabon kommt eine prominente Mannschaft ins Olympiastadion. Fühlt sich das ein bisschen an wie Champions League?



Vom Namen her ist das schön. Wenn ich aber zum Warmmachen raus ins Stadion komme und es sind keine fünfzig- oder sechzigtausend Leute da, kannst du das nicht vergleichen. Einen Fußballer kannst du mit Geld nicht motivieren, das Beste ist: Du spielst vor einem vollen Stadion gegen einen großen Gegner – das gibt dir noch einen zusätzlichen Schub.

Den Hertha gut brauchen könnte, oder?

Ja, um zu gewinnen. Ich kann Ihnen erst nach dem Spiel sagen, ob es wie Champions League war oder nicht. Wenn nur 25.000 kommen, ist das wie gegen einen kleineren Verein. Ein Fußballer braucht eigentlich keinen großen Gegner, er braucht eine große Kulisse. Dortmund und Schalke haben einen Riesenvorteil: Wenn die zu Hause spielen, egal gegen wen, haben die immer viele Zuschauer.

Was glauben Sie, wie viele Zuschauer kommen?

Ich hoffe, viele, aber ich weiß es nicht. Es wird immer weniger, und das liegt nicht nur an unseren Fans, das hängt auch damit zusammen, dass die Leute immer weniger Geld haben. Berlin ist nicht unbedingt die reichste Gegend Deutschlands. Wenn du mit zwei Kindern ins Stadion gehst, bist du auf guten Plätzen schnell 60 Euro los. Dreimal im Monat macht 180, und dann hast du noch keine Wurst gegessen. Ich glaube, dass viele Leute zu Hause im Fernsehen gucken und uns die Daumen drücken. Vielleicht haben wir aber auch nicht so gut gespielt.

Dortmund und Schalke haben auch nicht die reichste Anhängerschaft.

Aber dort haben viele Menschen Arbeit. In Berlin kommt es mir manchmal so vor: Einer arbeitet, einer ist arbeitslos.

Wie verschaffen Sie sich als Fußball-Millionär einen Eindruck davon, wie normale Menschen leben?

Ich bin mit vielen Nachbarn befreundet, habe auch noch Kontakt zu den Leuten, die ich aus der Zeit kenne, als ich noch in Berlin selbst gewohnt habe. Letztens habe ich bei uns im Fanshop Karten für Freunde von mir gekauft. Vor mir standen eine Oma und ein Opa. Er wollte Karten für die Haupttribüne haben. Als die Verkäuferin den Preis genannt hat, hat seine Frau ihn am Ärmel gezogen und mit dem Kopf geschüttelt. Dann wollte er etwas schlechtere Plätze, die Verkäuferin hat den Preis genannt, und seine Frau hat wieder mit dem Kopf geschüttelt. Am Ende hat er Plätze hinter dem Tor genommen. Als die Beiden rausgegangen sind, hat man richtig gesehen, wie enttäuscht er war. Zum Fußball gehen nicht die richtig reichen Leute, oder glauben Sie, eine richtig reiche Frau setzt sich bei Kälte ins Olympiastadion? Wenn ein bisschen Schatten kommt, bleibt die lieber zu Hause. Zu uns kommen normale Leute, Arbeiter, die ein bisschen schimpfen wollen, die singen. Wenn wir aber in der Champions League gegen den AC Mailand spielen, dann geben sie dafür auch Geld aus. Dann können sie in ihrer Kneipe oder beim Friseur erzählen: Ich war dabei.

Warum hat es Hertha, abgesehen von der Saison 1999/2000 nie wieder in die Champions League geschafft?

Wenn ich mich recht entsinne, sind wir zweimal knapp gescheitert. Gegen Hannover zum Beispiel hat uns mal im letzten Heimspiel nur ein Tor gefehlt. Ich will niemanden kritisieren, aber ich hatte immer das Gefühl, dass wir zum Ende einer Saison eine gute Mannschaft hatten, die richtig zusammengewachsen ist. Dann beginnt die neue Saison, es kommen neue Spieler – und die müssen sofort spielen. Das verstehe ich nicht. Egal, wie viel Geld sie gekostet haben, warum gibt man ihnen nicht die Zeit, sich besser einzufinden.

Anders gefragt: Was hatte Hertha damals, was Hertha heute nicht hat?

Wir hatten damals eine andere Mannschaft, mit anderen Typen. Es gab zwar zwei, drei Cliquen, aber das waren große Cliquen. Und die Mannschaft hatte trotzdem einen großen Teamgeist. Das ist komisch, aber vergangenen Samstag, in der zweiten Halbzeit gegen Stuttgart, hatte ich das Gefühl, dass sich bei uns wieder so etwas entwickelt. Das Publikum hat das auch gespürt.

Fehlen Hertha diese Typen noch?

Das will ich so nicht sagen. Damals war noch ein anderer Zug drin, das hat man schon im Training gespürt. Das war sehr aggressiv, ohne dass es rüde zuging oder beleidigend. Jeder hat es geschluckt, dass es zur Sache ging. Nach dem Training war alles wieder gut. Aber das war eine andere Zeit, man kann das auch nicht mehr vergleichen. Ich hoffe, dass sich einige unserer jungen Spieler dazu entwickeln. Sie müssen daran arbeiten. Sie müssen es wollen.

Wie fühlen Sie sich als Überbleibsel einer großen Vergangenheit?

Manchmal ist es komisch. Aber ich komme mit den Jungs wirklich gut klar. So lange ich noch dabei bin, bleibe ich auch jung. Das merke ich auch bei der Nationalmannschaft. Da haben wir auch viele junge Spieler, einige habe ich gar nicht gekannt. Nur den Namen, aber ich wusste nicht, wie sie aussehen. Bei der Nationalmannschaft nennen sie mich Vater, aber nach ein paar Tagen lachst du mit ihnen – dann bist du selber wieder jung.

An welche Anekdoten aus der Champions-League-Saison 1999/2000 erinnern Sie sich noch besonders gern?

An Istanbul. Wir waren gerade im Hotel angekommen, da fing die Erde an zu beben. Die Wände haben sich wirklich hin- und herbewegt. Andy Thom ist in der Unterhose aus seinem Zimmer zur Rezeption gestürzt. Außerdem hatten wir mit Tony Sanneh und Sebastian Deisler zwei Spieler in Berlin vergessen. Sportlich natürlich an den Sieg gegen den AC Mailand – das war wunderschön. Leider ist mir in diesem Spiel das Syndesmoseband gerissen – das war nicht so schön.

Der Plan des Managers sieht vor, dass Hertha 2010 wieder in der Champions League spielt.

Wenn die Mannschaft, die wir jetzt haben, im nächsten Jahr noch um zwei richtig gute Spieler ergänzt wird, kann sich was bewegen. Wir haben eine junge Mannschaft. Im Spiel gegen Stuttgart hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, dass es klappen könnte. Wenn wir so arbeiten wie da in der zweiten Halbzeit, kann sich dieser Teamgeist auch bei uns entwickeln, wenn du einmal in Bewegung kommst und im Fluss bist, dann werden Weihnachten alle ganz überrascht gucken: Ach, Hertha ist ja ganz oben dabei.

Warum hatten Sie dieses Gefühl?

Das ist einfach gekommen. Stuttgart ist eine gute Mannschaft, wir haben trotzdem die Zweikämpfe gewonnen, du hast gespürt, jeder macht mit, du hast auch mitbekommen, dass die Zuschauer mitgehen – und dann hast du das Spiel automatisch gewonnen.

Ist die Mannschaft von heute in sich optimal austariert?

Über den Kader können wir uns nicht beschweren: Du hast vorne zwei richtige Torjäger, Pantelic und Woronin, Raffael ist ein spielstarker Spieler, in der Abwehr hast du mit Friedrich und Simunic, wenn er so stabil bleibt, Erfahrung ohne Ende, beide sind Stammspieler in der Nationalmannschaft, haben an Welt- und Europameisterschaften teilgenommen, dazu kommt noch Drobny im Tor. Wie er in dieser Saison spielt – wunderschön, klasse. Keine Fehler, gute Ausstrahlung, das ist perfekt.

Vorne Erfahrung, hinten Erfahrung - bleibt das Mittelfeld.

Die Erfahrung hattest du ja in den letzten beiden Spielen.

Weil Sie mitgespielt haben?

Genau! Nein, es ist doch so: Die jungen Spieler lernen das noch. Fabian Lustenberger ist noch jung, er braucht noch Zeit. Bei ihm merkst du einfach, dass er nach einigen Spielen eine Pause braucht. Bei Gojko Kacar konnte man auch sehen, dass er mit der Doppelbelastung noch nicht zurechtkommt. Wenn der Trainer clever und gut rotiert, werden wir das bis Weihnachten trotzdem gut überleben. Dann ist jeder zufrieden. Nicht dass Sie das falsch verstehen: Es tut schon weh, wenn man nicht spielt. Aber manchmal ist es einfach notwendig.

Fehlt es den jungen Spielern heute an Biss?

Das denke ich nicht, aber ich lese immer in der Zeitung, wenn jemand neu zu Hertha kommt: Berlin ist eine geile Stadt. Ich habe noch nie von einem Spieler den Satz gelesen: Was für ein geiles Trainingsgelände. Hier kann man gut arbeiten. Aber das betrifft ja nicht nur die jungen Spieler, sondern auch erfahrene. Von mir aus können sie auch ein halbes Jahr lang die geile Stadt genießen. Bei mir war das anders. Ich war zwar jung, aber ich kam aus Ungarn. Allein das große Stadion: Wow!

Damals, das war 1997, spielte Hertha noch Zweite Liga.

Vor 12.000 Zuschauern gegen Zwickau. Das war der Tag, an den ich mich entscheiden sollte. Axel Kruse hat damals das Siegtor geschossen. Aber ich habe auch Jürgen Röber am Spielfeldrand gesehen. Er war ein großer Motivator.

Haben Sie es jemals bereut, bei Hertha geblieben zu sein, obwohl es zwischendrin verlockende Angebote gab?

Sie meinen Bayern München. Ich hätte fast ja gesagt. Aber wir haben damals alle gedacht, dass wir mit dieser Mannschaft und diesem Potenzial mal in die Richtung von Bayern München gehen könnten. Wir haben uns rasant entwickelt, wir waren die Hauptstadt, das passte. Ich habe damals die Spiele genossen, die Stadt, für mich gab es damals nichts Besseres. Nicht mal Milan. Die haben auch angefragt.

Sie drücken sich um eine Antwort.

Meine Entscheidung war gut. Ich bin glücklich mit meiner Familie, sie ist gesund und ich habe Berlin und unsere Fans lieb gewonnen. Das zählt. Aber wenn einer meiner Söhne eines Tages mal vor einer solchen Entscheidung stehen sollte, wüsste ich, was ich ihm rate.

Was raten Sie ihren jungen Mitspielern von heute?

Ich sage den Jungs immer: Rotwein trinken. Darin liegt die Kraft. Ich bin in Ungarn Weinritter.

Was Sie nicht sagen...

Ich muss über Wein gut reden. Bei Fitness- und Blutuntersuchungen im Klub sind bei mir noch nie irgendwelche schlechten Werte festgestellt worden. Das kann nur am ungarischen Rotwein liegen. Da bekommst du Kraft und bleibst gesund.

Aber nicht direkt vor dem Spiel?

Heute geht das nicht mehr, aber das ist auch schon passiert. Einmal war mein Vater zu Besuch, der hatte Rotwein aus Ungarn mitgebracht. Ein paar Spieler, van Burik, Goor und Fiedler, waren bei uns, es gab ungarische Fischsuppe und ungarischen Rotwein. Zwei Tage später haben wir Kaiserslautern 4:1 weggehauen. Da haben alle richtig gefightet. Ich sag’s euch: Ungarischer Rotwein!

Das Gespräch führten Stefan Hermanns und Michael Rosentritt.

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