Sport : Palmen auf dem Marktplatz Rotenburg rüstet sich für Trinidad – und umgekehrt

Anja Philipp-Kindler[Rotenburg an der Wümme]

Wir sind Fußball. So weit ist es nun schon gekommen in Rotenburg an der Wümme. Das Städtchen mit 23 000 Einwohnern wird während der WM-Vorrunde die Fußballer aus Trinidad & Tobago beherbergen. Und seitdem das feststeht, passieren sonderbare Dinge in der norddeutschen Provinz zwischen Hamburg und Bremen.

Wir sind Fußball. So steht es auf Tassen, Aufklebern und Werbetafeln. Mit T&T-Dollar kann im Info-Büro bezahlt werden. Wer im T&T-Trikot kommt, zahlt keinen Eintritt im Erlebnisbad Ronolulu. Und wer im WM-Trikot der Karibikinseln an Bernd Rohlfsens Tankstelle vorfährt, bekommt die Autowäsche zum halben Preis. In der ganzen Stadt hängen Flaggenketten, Fahnen und Wimpel. Die Polizei hat jede Menge zu tun, weil so manche Flagge nachts gestohlen wird.

Hier gefällt es auch Leo Beenhakker. „Ich bin ein glücklicher Mensch“, sagt der Nationaltrainer der „Soca Warriors“ grinsend. Der 64-jährige Holländer inspizierte in der vergangenen Woche das WM-Quartier seines Teams. „Ein tolles Haus“, sagte er, „so schön und klein, und alle sind so nett hier.“ Mehr als 60 Angestellte des Fünf-Sterne-Hotels Landhaus Wachtelhof werden sich um Beenhakker und sein Team kümmern. In den 38 Zimmern werden sie wohnen, im Wellnessbereich schwitzen und im hauseigenen Nobelrestaurant L’Auberge essen. Kleinere Verletzungen können im Krankenhaus ein paar Straßen weiter verarztet werden.

Beenhakker bemerkte auch, dass sich in Rotenburg mittlerweile karibisches Flair breit macht. „Das ist wirklich großartig, was hier auf die Beine gestellt wird“, stellt er fest. Er legte aber auch Wert darauf, dass seine Spieler kommen, um zu trainieren. Und dass die Übungsstunden bis auf eine Ausnahme unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden werden. Aus den geplanten Fußball- und Volleyballturnieren auf dem Marktplatz wird also nichts werden. Das findet Beenhakker dann doch etwas albern. „Meine Leute sollen Fußball spielen, für etwas anderes werden sie gar keine Zeit haben.“ Die Verantwortlichen der Stadt reagieren ernüchtert. „Schade“, sagt Reinhard Lüdemann, Sportbeauftragter der Stadt, „immerhin wird es einen offiziellen Empfang geben, das ist ja schon mal was.“

Im August vergangenen Jahres hat Beenhakker die sportliche Leitung des Teams aus der Karibik übernommen. „Meine Leute können alle Fußball spielen“, sagt er. „Aber sie müssen auch zusammenspielen, ich muss Koordination und Disziplin in die Mannschaft bringen.“ Er traut seinem Team in der schwierigen Gruppe B mit England, Schweden und Paraguay durchaus eine Überraschung zu. „Meine Spieler sind Profis mit großen Ambitionen“, sagt er. Für ihn ist es durchaus denkbar, das Achtelfinale der WM 2006 zu erreichen. Die Engländer zu schlagen, wäre ein Traum, denn „England ist ein historischer Gegner für uns“.

Beenhakker ist ein Globetrotter in Sachen Fußball. Er hat Ajax Amsterdam und die holländische Nationalmannschaft ebenso trainiert wie Real Madrid, Grashopper Zürich und América in Mexiko City. Warum übernahm er danach Trinidad & Tobago? „Es geht überall nur um Fußball, da ist es egal, ob man Trainer von Holland, Italien oder Trinidad ist.“ Das ist sein Credo. Er verbreitet dabei auch Weisheiten, die irgendwie an Sepp Herberger erinnern. „Fußball ist ganz einfach“, sagt er, „wenn die eigene Mannschaft den Ball hat, kann nichts passieren.“

Das letzte Testspiel seines Teams vor der WM findet am 3. Juni in Prag gegen Tschechien statt. Danach trifft er mit seinen Spielern in Rotenburg ein. Bis dahin wird der Marktplatz von Sand bedeckt sein. Es werden Palmen darauf stehen und ein Swimmingpool. Beim Begrüßungsfest mit großem Feuerwerk gibt es Rotenburger Bratwurst und Carib-Bier aus Trinidad & Tobago. Und sicherlich werden auch wieder viele „Wir sind Fußball“- Aufkleber verteilt werden.

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