Sport : Papa kann wieder Schulgebühren zahlen

Snooker spielt Ronnie O’Sullivan nur noch wegen des Geldes – nun bekommt der Star ganz viel davon: Er steht im WM-Finale.

Bertram Job
Mann mit Macken. Snookerstar Ronnie O’Sullivan. Foto: AFP
Mann mit Macken. Snookerstar Ronnie O’Sullivan. Foto: AFPFoto: AFP

Berlin - War das alles bloß Koketterie, oder hatte er tatsächlich nicht die geringste Ahnung? Bevor er vor zwei Wochen die erste Kugel ins Visier nahm, hielt Ronald Antonio O’Sullivan alles für möglich. Mit der 21. Teilnahme an den Snooker-Weltmeisterschaften im Crucible Theatre zu Sheffield habe er ab sofort „gewissermaßen meine eigene Reality-Show“, bemerkte der 37-jährige Titelverteidiger leicht amüsiert. „Es könnte ein Autounfall werden, es könnte gut werden. Man weiß es nicht.“

Nun ist die Unfallgefahr weitgehend gebannt. Der viermalige Weltmeister, der seit seinem Triumph im Mai 2012 nur ein einziges offizielles Match bestritten (und verloren) hat, steht im Finale. Er schlug am Samstag seinen 15 Jahre jüngeren Gegner Judd Trump 17:11. Was seine Fangemeinde hoffen lässt, dass er sein unverhofftes Glück nicht mehr an die Wand fährt.

Es könnte eine unwahrscheinliche Geschichte werden, die sich da in Sheffield vollzieht – gerade rechtzeitig, um den Saison-Höhepunkt im britisch geprägten Billard-Sport zu promoten. Und doch keine echte Sensation: Weil ihre Hauptfigur für verblüffende Wendungen berüchtigt ist. „Der vielleicht talentierteste Spieler in der Geschichte dieses Sports“ („Daily Telegraph“) ist schon öfter annähernd genial bis ausgesprochen peinlich gewesen.

Kommt er nun, oder kommt er nicht? Das ist so häufig die Frage, wenn es um „Ronnie the Rocket“ geht. Der wechselhafte Londoner hat die WM zwischen 2001 und 2012 schon vier Mal gewonnen. Er hat sie aber auch schon gemieden, weil ihm diese Duelle am grünen Tisch manchmal bis zum Hals stehen, wie er durchblicken ließ. Die Berliner Snooker-Anhänger kennen das: 2011 sagte O’Sullivan seine Teilnahme an den German Open im Tempodrom wenige Tage vor dem Start ab – 2012 ließ er sich dort als Sieger feiern.

Erst zwei Tage vor der Frist hat der seltsame Charismatiker für diese WM gemeldet, und nach den guten bis fulminanten Erfolgen in den Runden zuvor könnte das eine herzzerreißende Comeback- Story sein: Die Ikone eines Sports, der nach dem langen Sabbatical O’Sullivans einfach nicht ohne ihn leben kann, ist wieder da. Aber so war es eben nicht, wie O’Sullivan gestand: Er habe die Leute und das Unterwegs-Sein, nicht aber das Spiel selbst vermisst. Und er müsse trotz der Millionen, die er schon erspielt hat, hin und wieder Geld verdienen. „Ich habe die Schulgebühren meiner Kinder für die vergangenen zwei, drei Semester noch nicht bezahlt“, ließ er in Sheffield wissen – kurz nachdem er im Viertelfinale gesiegt hatte. „Aber jetzt habe ich ein bisschen Geld verdient und kann die Gebühren für die nächsten zwei bis drei Jahre zahlen.“

Das ist nicht unbedingt das, was sentimentale Anhänger des anspruchsvollen Sports gerne hören würden. Wer hauptsächlich zur Arbeit geht, weil er Geld braucht, erinnert so manchen viel zu sehr an die eigene Situation. O’Sullivan könnte jedoch auch damit durchkommen – weil er mit seiner steten Ambivalenz genau das Drama bietet, das sonst kaum einer von den weltbesten Spielern im Snooker auf die Bühne bringt. Andere gewinnen oder verlieren, je nach Tagesform – O’Sulllivan zerschellt am Tisch oder triumphiert.

Eigentlich bewundere er große Sportler, die ihre Epoche dominieren, hat er in seinem Billard-Klub im Nordosten Londons mal erzählt – Leute wie den Tennistar Roger Federer etwa oder den Boxer Wladimir Klitschko. Nur zu gerne wäre er ebenso konstant wie die. Doch das ist eben nicht so einfach mit den depressiven Schüben, von denen er in seiner Biographie sehr offen berichtet.

Am Snooker hat O’Sullivan sich aufrichten können, wenn er in private Turbulenzen geriet – inklusive Drogeneskapaden, Scheidungen und Wechsel des Managements. Das reine Glück aber, das er so vielen Zuschauern bereitet, kann er für sich selbst nicht so recht daraus ziehen. So wird es wohl bleiben, auch wenn er in Sheffield auch im Finale gegen Ricky Walden oder Barry Hawkins (das zweite Halbfinale lief bei Redaktionschluss noch) siegen sollte. Was im Grunde eine heilsame Botschaft bereithält: Der maximale Erfolg ist nicht unbedingt die ultimative Erfüllung. Bertram Job

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