Sport : Parade der Schulterklopfer

Der Weltcup in Berlin ist der erste Start für Franziska van Almsick seit ihrem EM-Triumph

Frank Bachner

Von Frank Bachner

Berlin. Die CDU-Frauen haben es ja gut gemeint. Sie treffen sich regelmäßig zum Stammtisch, und sie würden sich freuen, schrieben sie Franziska van Almsick, wenn die Weltklasseschwimmerin mal vorbei schauen würde. Tja, geht leider nicht, teilte van Almsicks Managerin Regine Eichhorn mit, keine Zeit. Bedauerlicherweise konnte van Almsick deshalb auch nicht in die Jury einziehen, die „Deutschlands Park des Jahres“ ermittelt.

Die Absagen sind Routine, 95 Prozent aller Einladungen und Anfragen blockt Regine Eichhorn ab. Das macht sie seit Jahren, aber die Anfragen gelten jetzt der Respektperson van Almsick. Das ist neu. Seit der EM in Berlin ist das so, seit ihrem grandiosen Comeback mit fünf Titeln. Die Anerkennung ist spürbar. „Vorwürfe, sie würde nur Party machen, wird es nie mehr geben. Das traut sich keiner mehr“, sagt Regine Eichhorn. Dafür aber hat sich van Almsick die Leute, die geschrieben oder getuschtelt hatten, sie sei fett, und die sich jetzt beim Schulterklopfen nach vorne drängen, gut gemerkt. Sie lächelt über diese Leute, es ist ihre kalte Rache.

Die 24-Jährige kann diese Leute jetzt genau beobachten, sie ist nicht mehr mit sich selber beschäftigt. Nach dem Triumph von Berlin hat sie sechs Wochen gebraucht, um ihr Comeback zu realisieren. Sie musste ihren Urlaub verlängern, um alles zu verarbeiten. Regine Eichhorn beschaffte ihr die TV-Aufnahmen ihres Weltrekord-Rennens über 200 m Freistil. Die Weltmeisterin starrte immer wieder auf ihren grandiosen Auftritt. Stück für Stück brachte sie auch damit ihren Wust von Emotionen in Strukturen. Und nach sechs Wochen hatte sie wieder Lust aufs Training. Aber erst seit Jahresbeginn trainiert sie wieder professionell. Deshalb startet sie beim Weltcup-Finale in Berlin (Samstag und Sonntag im Schwimmzentrum Landsberger Allee, Vorläufe jeweils ab 9 Uhr, Finals jeweils ab 15 Uhr) auch nur über 100 m Schmetterling und über 100 m Rücken. „Ich bin erstaunt, wie gut ich schon in Form bin“, sagt sie, „aber das reicht nicht, um vorne mitzumischen.“ Für die Topzeiten sollen die Superstars Ian Thorpe und Pieter van den Hoogenband sorgen oder auch Thomas Rupprath, der Weltrekordler aus Neuss.

Van Almsick wird jetzt respektiert, aber es ist ein Respekt mit Grenzen. Keiner wird sie mehr verhöhnen, aber gleichzeitig stellt sie fest, dass ihr mitunter nicht mal ein geringes Maß an Selbstsicherheit zugetraut wird. Irgend jemand hatte fälschlich geschrieben, van Almsick werde nicht bei der WM 2003 starten. Deshalb wollte gestern ein Reporter wissen: „Glauben Sie, dass sie bei den Olympischen Spielen 2004 genügend Wettkampfhärte haben, wenn sie auf die WM verzichten?“ Van Almsick zuckte. Für sie musste es klingen, als fragte man Kanzler Schröder, ob er sich ohne Training einer Rede vor 5000 Leuten gewachsen fühle. Acht Olympiamedaillen und 22 EM-Titel genügen offenbar nicht, um ihr Wettkampfhärte zuzutrauen. Und deshalb wurden für einen Moment van Almsicks Augen schmal. „Es ist rührend, wie sich alle um mich kümmern“, knurrte sie. „Aber ich bin seit Jahren dabei. Mir muss zur Wettkampfhärte keiner mehr was sagen.“

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