Sport : Paradise now

Waren Sie schon einmal in einer VIP-Lounge?

Wolfram Eilenberger

Weiß der Teufel was mich geritten hat, am Abend vor dem Spiel noch im Koran zu schmökern. Aber als die junge Dame im eng geschnittenen Kostüm uns die VIP-Lounge zuwies, wurde mir auf einmal unheimlich zumute. Denn was ich hier, direkt unter dem Stadiondach gewahren durfte, entsprach exakt dem, was ich am Abend zuvor über das Paradies gelesen hatte. „In Reihen werden sie auf Ruhekissen sitzen“ stand dort in Sure 52 zu lesen, und mit einem herzlichen „Esst und trinkt und freut euch!“ werden sie empfangen. Danach wird ihnen „gegeben, was sie nur wünschen: Obst und Fleisch im Überfluss“. Und wahrlich, auch uns umkreisten „Jünglinge in ewiger Blüte, mit Bechern, Kelchen und Schalen“ sowie exotisch-studentische „Jungfrauen, die uns mit ihren schwarzen Augen berückten“, während sie mit „keusch niedergesenktem Blick Früchte, Datteln und Granatäpfel“ darbrachten.

Das reinste fundamentalistische Männerparadies – und das alles ohne fromme Vorleistung. Nicht einmal gezahlt haben wir, nein, mein guter alter Freund im Sitzkissen neben mir bekam die Karten geschenkt. Er ist persönlicher Referent eines Bundestagsabgeordneten. Und da solche Abgeordnete gelegentlich in Ausschüssen sitzen, in denen für gewisse Wirtschaftsbereiche entscheidende Gesetzesvorhaben besprochen werden, lassen es sich potenziell betroffene Firmen nicht nehmen, ganz unverbindlich und scheinbar ohne Anlass in VIP-Lounges einzuladen.

Ob wir uns nicht wenigstens ein bisschen schämen sollten, frage ich den Freund, als wir uns nach vorne beugen, um durch die Doppelverglasung einen Blick auf den fröstelnden Fan-Mob zu werfen. Keineswegs, entgegnet er. Schließlich seien es niemand anderes als gedankenlose Schnorrer wie wir, für die solche 10 000 Euro teuren Stadion-Suiten ersonnen wurden. Allein solch Höchstpreise nämlich ermöglichten es den Veranstaltern, die Karten für den gemeinen Rest erschwinglich zu halten. „Quersubventionierung“ und „Preisdiskrimination“, erklärte der studierte Ökonom und winkte eine weitere Karaffe herbei. „Kapierst du? Wir finanzieren deren Vergnügen. Die Fans auf den billigen Plätzen sollten uns dankbar sein.“

Na dann Prost und Halleluja. Als die Nationalhymnen feierlich das Rund erfüllen und der Wein erste Wirkung zeigt, erwäge ich gar, ob diese VIP-Lounges am Ende nicht all das in Reinkultur verkörpern, wofür das aufgeklärte Europa an einem guten Tag geliebt werden kann: eine Kultur, die die Urfantasie des ewigen Überflusses erfolgreich vom Jenseits ins Diesseits überführte, die anstatt auf die launischen Allmacht eines Gottes auf die unsichtbare Hand des freien Marktes vertrauen lernte, in der religiöser Fanatismus allenfalls in der Form sportlichen Fan-Daseins akzeptiert wird, die den Kampf der Kulturen mittlerweile als Länderspiele austrägt und in der jeder selbst entscheiden muss, was ihm als unbedingt heilig gilt; es darf auch ein Vereinswappen oder Nationaltrikot sein. In Geschlechtsfragen schließlich hat die Frage der Jungfräulichkeit bei uns über die Jahrhunderte heilsam an Bedeutung verloren, und sollte ich eine dieser Traum-Hostessen nun leicht angesoffen in den Hintern kneifen, wird die Belästigte mich dafür erfolgreich verklagen können. Insgesamt ließe sich damit festhalten: Das hier ist das Paradies, sofern es jemals eines gab. So viel Zivilisation war nie.

Und doch weiß ich so gut wie jeder andere hier im Stadion ganz genau, dass irgendein ein junger Mann in Bagdad, Beirut oder Berlin genau in diesem Moment seinen Sprengstoffkoffer packen könnte, um sich damit auf einem öffentlichen Platz in die Luft zu sprengen, geleitet von der todbringend naiven Gewissheit, als Belohnung für seine Tat an einen Ort zu gelangen, der mit dieser VIP-Lounge praktisch identisch sein dürfte. Genau das, wofür er den gottlosen Westen auf Erden verachtet, ersehnt er für sich im Todesreich.

Gewiss, es bleibt die Frage, was derartige Überlegungen auf den Sportseiten verloren haben. Aber so ist das nun einmal in VIP-Lounges. Das Fußballerische gerät allzu leicht in den Hintergrund. Und wie erlesen der Wein in diesen Gefilden auch gewählt sein mag, es bleibt ein schlechter Geschmack im Mund.

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