Paralympic Day : Eine große Heimmannschaft

Für die Leichtathletik-WM in Berlin sind 74 deutsche Athleten nominiert, zehn sollen noch dazukommen.

Friedhard Teuffel

BerlinBerlin - Kurz vor einem großen Ereignis werden aus den Einzelgängern der Leichtathletik auf einmal Mannschaftssportler. Da lässt sich auch ein starker Kerl wie Robert Harting gerne ein wärmendes Nest bauen. Bei den Weltmeisterschaften in Berlin will der Berliner Diskuswerfer auf keinen Fall zu Hause übernachten, es zieht ihn ins Quartier der deutschen Mannschaft, das Hotel Berlin, Berlin. „Raus aus dem gewohnten Umfeld, damit ich mich besser konzentrieren kann und mich zu nichts verleiten lasse“, sagt er, „in meine Badewanne zu Hause passe ich sowieso nicht rein.“

Landen wird er in einer höchst motivierten Gemeinschaft von wohl etwa 85 deutschen Athleten, so groß wird die deutsche Mannschaft werden. 74 von ihnen sind am Dienstag schon öffentlich benannt worden, 37 Frauen und 37 Männer. Nach der Gala des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) am 2. August in Wattenscheid sollen noch einmal mindestens zehn dazukommen.

Sie bilden also das diplomatische Corps der deutschen Leichtathletik, das dem Publikum im Olympiastadion zeigen soll, wie vielseitig und ästhetisch die Leichtathletik ist und auch noch, dass die Deutschen nicht abgehängt worden sind in der olympischsten aller Sportarten. 560 000 Zuschauern könnten sie das maximal an den neun WM-Tagen zeigen, bislang sind jedenfalls 240 000 Tickets verkauft, davon 10 000 in den vergangenen acht Tagen.

Jeder aus der deutschen Mannschaft hat eine Chance, in den Endkampf zu kommen, das war das Kriterium für die Nominierung. Und einige gehen freilich an den Start, um eine Medaille zu gewinnen. „Wenn es nach den aktuellen Weltranglisten geht, würden wir drei Goldmedaillen gewinnen, eine silberne und zwei bronzene“, sagt Jürgen Mallow, der DLV-Sportdirektor.

An der Spitze der Weltranglisten stehen aus Deutschland eine Springerin, eine Werferin und eine Läuferin. Ariane Friedrich liegt im Hochsprung mit 2,06 Meter vorn, Christina Obergföll im Speerwerfen mit 68,59 Meter und Irina Mikitenko im Marathon mit 2:22:11 Stunden. Ob sie diese Leistungen noch einmal wiederholen können, wird von vielen Faktoren abhängen, bei Mikitenko zum Beispiel vom Wetter, ob es nicht zu heiß ist, wenn am 23. August, dem Abschlusstag der WM, um 11.15 Uhr der Frauen-Marathon gestartet wird.

In der Leichtathletik, in der Zahlen absolut sind, werden nun die Statistiken für erste Hochrechnungen hervorgeholt. Eine davon besagt laut Mallow, dass die deutschen Athleten bei Saisonhöhepunkten im Schnitt immer besser abschneiden als ihr Stand in der Weltrangliste. Das Ergebnis bei Olympia in Peking täuscht etwas darüber hinweg, die deutschen Athleten hatten 2008 so wenige Medaillen gewonnen wie seit mehr als hundert Jahren nicht mehr. Doch Medaillen sind eben nur eine Währung der Leichtathletik, wenn auch die wertvollste. „Gemessen an den Medaillen waren wir in Peking Loser“, sagt Mallow, aber fast die Hälfte der deutschen Athleten habe es in den Endkampf geschafft. „Dass so viele in der am stärksten globalisierten Sportart unter die ersten acht kommen, das ist schon richtig gut“, sagt der Sportdirektor. Die Leistungen zeigten ihm insgesamt eines: „Wir haben viel, viel aufgeholt.“

Mit einer Ausnahme hat die sportliche Leitung nur Sportler in die Mannschaft berufen, die die Qualifikationsnormen erfüllt haben. Der 4x400-Meter-Staffel der Frauen hielt der Verband zugute, dass sie sich erst noch finden müsse. Die Zahl der guten Leistungen war nun jedenfalls so groß, dass einige der Etablierten nicht bei der WM starten dürfen. Im Stabhochsprung der Männer wird keiner der deutschen Teilnehmer von Peking und der WM 2007 in Osaka in Berlin starten. Tim Lobinger, Danny Ecker, Björn Otto und Raphael Holzdeppe sind alle nicht dabei, dafür nimmt der DLV Alexander Straub, Malte Mohr und Tobias Scherbarth mit. Mallow sagt: „Die WM ist keine Abschiedsparty für große deutsche Leichtathleten.“

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