Paralympics : Allein in der Dunkelheit

"Bete an jedem Tag, an dem du aufwachst und noch sehen kannst." Paralympics-Sieger Matthias Schröder droht zu erblinden – für einen Begleitläufer ist er zu schnell.

Frank Bachner
246490_0_2435568b.jpeg
Matthias Schröder.Foto: dpa

Berlin - Im Kraftraum haben sie einen Radiosender gewählt, der harte Rockmusik spielt. Die Verbindungstür zur Leichtathletikhalle ist offen, die Riffs dröhnen bis weit in die Halle. Matthias Schröder kann sie noch hören, als er an der Stabhochsprungmatte und der Sprunggrube mit dem feinkörnigen Sand vorbeigeht. Er kommt gerade von den Gewichten, eine Stunde hat er dort trainiert. Die Musik vermischt sich mit dem Kichern von jungen Mädchen, mit dem dumpfen Trampeln von sprintenden Athleten auf der Laufbahn und den Anweisungen von Trainern. Der Lärm ist lästig für Schröder, denn irgendwo in der Halle im Sportforum Hohenschönhausen muss Bernd Scheermesser stehen, Schröders Trainer. Er muss Scheermessers Stimme hören, sonst findet er ihn nicht.

Matthias Schröder hat noch ein Prozent Sehkraft. Er erkennt aus den Augenrändern verschwommen Linien und Konturen. In Peking, bei den Paralympics, hatte er die Linien seiner Bahn gesehen, er ist genau dazwischen gelaufen, sonst wäre die Gefahr, dass er eine berührt und damit disqualifiziert wird, zu groß gewesen. Matthias Schröder vom Athletic-Club Berlin hat sie nicht berührt, und er hat Gold gewonnen. Paralympics-Sieger über 400 Meter in 49,45 Sekunden. Sein erster Olympiasieg; vor vier Jahren in Athen hatte er Silber und Bronze über 200 und 100 Meter erhalten.

Schröder hat seinen Trainer gehört, er steht jetzt bei Scheermesser, einem erfahrenen Coach, der die weißen Haare locker gescheitelt hat. Sie reden kurz. Mach Sprungübungen, sagt Scheermesser. Schröder nickt, dann katapultiert er sich in die Grube. Dank seiner Schnelligkeit kann er sieben Meter springen. Es ist ein normaler Trainingstag, nichts deutet darauf hin, dass Schröder immer diesen Satz im Hinterkopf mit sich trägt.

„Bete an jedem Tag, an dem du aufwachst und noch sehen kannst.“

Ein Augenarzt hatte es ihm mal gesagt. Schröders Körper produziert ein bestimmtes Eiweißprodukt nicht, das die Netzhaut braucht. Seine Sehkraft nimmt immer stärker ab. Und sie kann über Nacht endgültig weg sein. „Wenn die letzten Eiweißprodukte auch noch absterben“, sagt Schröder, „ist Schluss.“

Man muss das wörtlich nehmen.

Wenn der 26-Jährige vollkommen blind ist, dann ist die Karriere des Sprinters, 400-Meter-Läufers Schröder beendet. So abrupt, so brutal, als hätte er eine Vollbremsung hingelegt.

Der Paralympics-Sieger ist zu gut, das ist sein Verhängnis. Seine Bestzeit über 100 Meter liegt bei 10,85 Sekunden, die über 200 Meter bei 21,90 Sekunden. Seine 400-Meter-Bestmarke hat er im Finale von Peking um 1,54 Sekunden verbessert. Ein blinder Athlet benötigt einen Begleiter, der mit ihm läuft. Sie sind dann durch ein Plastikband verbunden. Aber in Deutschland gibt es niemanden, der ihn begleiten will und zugleich so schnell wie Schröder ist. Die Leute, die infrage kämen, sind selber Topathleten, und die haben ihre eigenen Wettkämpfe. Simon Kirch, der Deutsche Meister 2008 über 400 Meter der Nichtbehinderten, gewann in 45,57 Sekunden. Die diesjährigen Titelträger über 100 und 200 Meter sprinteten 10,20 und 20,54 Sekunden.

Matthias Schröder lächelt schief und sagt: „Ich hatte noch nie einen Begleitläufer. Ich schiebe den Gedanken an den Tag, an dem ich einen bräuchte, einfach weit weg.“

Rückblende, drei Wochen vor dem Training im Sportforum. Matthias Schröder sitzt im Aufenthaltsraum der Geschäftsstelle des Athletic-Clubs Berlin. Ein langer Tisch, ein paar Stühle, ein Tresen mit Barhockern. Schröder schenkt Kaffee ein, er hält Tasse und Kanne direkt vor seine Augen. „Früher habe ich gedacht, wenn ich nicht mehr sehen kann, dann hat es keinen Wert, noch da zu sein“, sagt er. Schröder, der Angestellte der BVG, der vor einem Computer mit riesigen Buchstaben arbeitet, redet jetzt nicht bloß vom Sport.

Sein Fall hat auch einen tragischen menschlichen Aspekt.

Schröder ist in Deutschland nicht der einzige Mensch mit dieser Augenkrankheit. Es gibt in seinem Alter noch fünf weitere – genau fünf, mehr nicht. Einer davon ist seine Schwester. Eine Erbkrankheit. „Sie überspringt eine Generation“, sagt der 26-Jährige. „Meine Kinder könnten sie nicht bekommen, aber bei deren Kinder ist die Gefahr groß.“ Matthias Schröder hat keine Kinder, noch nicht.

Die Krankheit befällt üblicherweise Menschen, die 50 Jahre und älter sind. Bei Schröder aber ist sie ausgebrochen, als er sechs Jahre alt. „Es hat nachts geblitzt in meinen Augen, als die Netzhaut gerissen ist. Mehr weiß ich nicht mehr.“ Damals konnte er noch eingeschränkt sehen.

Matthias Schröder erzählt unaufgeregt, er hat sich ja mit seiner Geschichte arrangiert. Man sieht nicht sofort, dass er fast blind ist, wenn man es nicht weiß. Er richtet seine Augen direkt auf den Gesprächspartner, erst mit Verzögerung erkennt man den leeren Blick.

Aber plötzlich bekommt sein Ton einen aggressiven Unterton. Da erzählt er, was die Ärzte ihm, dem Zwölfjährigen, im Krankenhaus irgendwann „ins Gesicht gesagt haben“: Es gibt keine Medikamente gegen diese Krankheit. Es wird erst mal auch keine geben. „Für ältere Leute steckt man kein Geld in die Forschung, für Jüngere lohnt es nicht bei so verschwindend wenigen Patienten. Da müsste schon ein Bundeskanzler so etwas haben, damit man forscht.“

Eine tiefe, knurrende Stimme erfüllt den Raum: „Da bekommt man einen heiligen Zorn, wenn man so etwas hört.“

Lutz Kramer kann sich nicht mehr beherrschen. Kramer ist ein stämmiger Mann mit Vollbart, ein früherer Hammerwerfer, er sitzt Schröder gegenüber. An diesem Tag ist er noch sein Trainer, er hat ihn zum Paralympics-Sieg geführt, Höhepunkt einer zehnjährigen Zusammenarbeit. Tage nach dem Gespräch trennen sich die beiden. „Es war Zeit für mich für einen Wechsel“, sagt Schröder später nur zu der Entscheidung. Er startet nun für den SC Berlin.

Im Aufenthaltsraum sagt Kramer: „Wenn man eine Krankheit erkannt hat, dann muss man forschen, um sie bekämpfen zu können.“ Schröder hört zu, denkt kurz nach, dann sagt er lächelnd, aber ohne innere Wärme: „Im Krankenhaus haben sie damals gesagt: Fragen sie in 20 Jahren wieder nach Medikamenten.“

Der zwölfjährige Matthias lag dann nachts zu Hause mit diesem Satz, am Boden zerstört, fassungslos. „Du träumst ja, du bist der letzte Heuler der Nation, weil ausgerechnet du diese Krankheit hast.“ Gleichzeitig stieg seine Wut auf die Pharmafirmen, die einen wie ihn nur als betriebswirtschaftliche Größe sehen.

„Es wäre einfach zu teuer für so einen kleinen Kreis“, sagt Fritz Sörgel, der Leiter des Instituts für pharmazeutische Forschung in Nürnberg. „Das klingt zynisch, aber es ist leider die Wahrheit.“

Als Schröder 1998 zu Kramer kam, da besaß er noch fünf Prozent Sehkraft. Im selben  Jahr wurde mit der 400-Meter-Staffel seines Klubs Deutscher Jugendmeister, drei Nichtbehinderte und Schröder. Der lief auf Position zwei; die Wechsel haben sie intensiv geübt. Im Jahr 2000 meldete Kramer den Athleten bei den Behinderten an.

Aber das Training wird immer schwieriger. Manchmal laufen Kinder unkontrolliert über die Bahn, wenn Schröder angerannt kommt. Natürlich sagt ihm der Trainer: Die Bahn ist frei. „Aber eine gewisse Angst, voll zu laufen, ist da“, sagt Schröder. Er konnte noch immer rechtzeitig ausweichen. Aber so ein Zwischenfall nicht bloß für das Kind gefährlich, Schröder könnte sich dabei verletzen.

Nur beim Fußball gibt er alles. In der Halle gibt er den Ausputzer. „Kamikaze-Sau nennen sie mich“, sagt Schröder grinsend. Der Begriff gefällt ihm. Er hört den Ball, wenn er durch die Luft fliegt, sehen kann er ihn erst sehr spät. Und an den Wänden stehen Matten, gegen die kann er notfalls springen.

„Die Krankheit ist unberechenbar“, sagt Schröder und zuckt die Schultern. Mal geschah sechs Jahre lang gar nichts, mal reduzierte sich die Sehkraft rapide. Jetzt klammert er sich an das eine Prozent, das er noch hat. Schröder jammert seit Jahren nicht mehr über seine Situation, er kann sie ja nicht ändern. Aber dieses eine Prozent ist das letzte Hindernis vor der Blindheit. Vor dem drohenden Karriere-Ende. „Was passiert, wenn dieses Prozent weg ist, daran möchte ich gar nicht denken“, sagt Kramer.

Deshalb bekommt jetzt jedes neue sportliche Ziel eine besondere Bedeutung. Im Sommer möchte Schröder bei den deutschen Meisterschaften über 400 Meter laufen, den Meisterschaften der Nichtbehinderten wohlgemerkt. „Ich sehe ja die Linien der Bahn, das geht schon“, sagt Schröder. Er darf starten, wenn er vorher 49,10 Sekunden gelaufen ist. Das ist die Qualifikationsnorm. Sportlich sind für ihn in Deutschland sowieso nur Duelle mit Nichtbehinderten interessant, wer soll ihn denn in seiner Schadensklasse wirklich fordern? Aber jetzt hat so ein Wettkampf auch den Charakter eines letzten Triumphs vor der großen Ungewissheit. Denn Schröder ist immer stärker getrieben von der Frage, die er nur verdrängen, aber nicht vergessen kann: Wann wache ich auf und bin blind?

Aber manchmal gelingt es ihm nicht, die Frage zu verdrängen. Er richtet seinen Oberkörper auf, dann sagt er: „Wenn man sentimentale Gedanken hat, dann kommt der ganze Scheiß wieder hoch.“

Ein Medikament gegen seine Krankheit gibt es bis heute nicht.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben