Paralympics : Aufwärmtraining für die Spiele

Die Paralympics-Zeitung lud zum Vorbereitungsworkshop in Großbritannien. Schülerreporter übten für London 2012.

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Bald geht es los: Die Paralympics-Zeitung lud zum Vorbereitungsworkshop in Großbritannien. 20 Schülerinnen und Schülern aus ganz Deutschland, der Schweiz, Nordirland, Wales und England, hatten beim internationalen Schreibwettbewerb für das Jungreporterteam der Paralympics-Zeitung gewonnen.Weitere Bilder anzeigen
Foto: Thilo Rückeis
07.06.2012 14:06Bald geht es los: Die Paralympics-Zeitung lud zum Vorbereitungsworkshop in Großbritannien. 20 Schülerinnen und Schülern aus ganz...

Um ihn herum tost die Halle: Rollstuhlbasketball der Herren, USA gegen Gastgeber Großbritannien. Mittendrin rutscht Alexander Kauschanski auf der Tribüne beim Paralympic World Cup in Manchester hin und her. „Wenn man über eine Veranstaltung berichtet, bekommt man einen anderen Blick auf die Geschehnisse und fühlt eine innere Spannung und Verantwortung“, sagt der 18-Jährige von der Viktoriaschule in Aachen. „Das ist meine erste Erfahrung bei einem großen Sportevent“, redet der Schülerreporter gegen den Anfeuerungsjubel an, „und ich finde das einfach bewegend und toll!“

So erging es 20 Schülerinnen und Schülern aus ganz Deutschland, der Schweiz, Nordirland, Wales und England, die jetzt mit dem Tagesspiegel zum dreitägigen Vorbereitungsseminar zu Journalismus und Behindertenleistungssport zum Testsportevent nach Großbritannien gereist sind. Die Jugendlichen hatten beim internationalen Schreibwettbewerb für das Jungreporterteam der „Paralympics Zeitung“ gewonnen, die der Tagesspiegel gemeinsam mit der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) und der Partneragentur Panta Rhei wieder während der Paralympics in London herausgibt.

„Gut, dass wir hier die Chance haben, unter realen Bedingungen zu üben“, sagt Carina Canavan vom St Ciaran’s College in Tyrone aus Nordirland im Speisesaal des Tagungsquartiers der größten britischen Lehrergewerkschaft NASUWT in der grünen Hügellandschaft von Rednal/Birmingham. Unter realen Bedingungen üben, dazu gehört auch: Möglichst immer Englisch sprechen, damit jeder jeden versteht. Den Wecker früh stellen, weil der Bus vom gemütlich-hochherrschaftlichen Landsitz bei Birmingham schon um 7 Uhr nach Manchester fährt. Und trotzdem bis in die Nacht über Reportagen und Interviews brüten.

Carsten Kloth, Redakteur beim Chef vom Dienst des Tagesspiegels, hatte das Original-Computersystem aus dem Berliner Verlagshaus auf die Trainingslaptops in Rednal gespielt – und zeigte dann, wie man Fotos auf die Zeitungsseite zieht oder einen Artikel auf die Zeile genau passend macht. Auch Chefredakteur Pete Henshaw vom Lehrermagazin „Sec Ed“ besprach die Texte mit den Autoren und erklärte, wie man einen Einstieg schreibt, der den Leser in den Text zieht. „Amsterdam, Flughafen Schiphol. Immerhin liegt schon der kurze Flug aus Bremen hinter mir. Was ich hier zum ersten Mal spüre, ist der Nervenkitzel, der sich durch das gesamte erlebnisreiche Wochenende ziehen wird“ – so beschreibt es Benjamin Scholz vom Cloppenburger Clemens-August-Gymnasium hinterher. Der 18-Jährige hatte sich ein Aufnahmegerät fürs Presseprojekt zum Geburtstag gewünscht. Andere testeten, wie das Mitschneiden per Smartphone klappt.

Wie man sich auf die kurzen Gespräche mit Sportlern in der „Mixed Zone“ nach den Wettkämpfen vorbereitet, erklärte Sportkorrespondent David Smith vom Londoner „Evening Standard“: „Bereitet euch gut auf euer Gegenüber vor, das hinterlässt Eindruck und öffnet den Interviewpartner“, sagte Smith. Er habe mit Mike Tyson eine Portion Kentucky Fried Chicken geteilt und Michael Schumacher getroffen – und werde auch noch dafür bezahlt. Smith lächelt in die Runde. ,„Who wants to have my job?“ „Jeder. Deswegen sind wir hier“, formuliert Jungautor Benjamin später.

Und alle sollen gut vorbereitet sein auf die Berichterstattung über Leistungssport von Amputierten, Querschnittgelähmten oder Blinden. Gregor Doepke von der DGUV erläuterte beispielsweise, welche Rehabilitationsangebote nach Arbeitsunfällen zurück ins Leben - oder sogar in den Leistungssport helfen. Als am ersten Abend zur Einstimmung dann Londoner Werbevideos von überglücklichen Athleten gezeigt wurden, „schossen mir die Tränen in die Augen, da ich auf so viele Emotionen nicht vorbereitet war“, schrieb der 19-jährige Nico Feißt vom Offenburger Oken-Gymnasium – da war er nicht der Einzige. „Fang jetzt bloß nicht an zu weinen“, sagte ich zu mir. Ich fragte mich, wie ich reagieren solle, falls ich wirklich in London im Stadion säße und anfangen sollte, in Tränen auszubrechen. Das wäre doch unprofessionell.“ Keine Sorge, das sei doch menschlich, beruhigten Referenten die Jungreporter – und Paralympics seien eben Emotionen pur.

„Fragt die Sportler bitte nicht zuerst nach ihrer Behinderung“, riet Ex-Leistungsschwimmer Martin Mansell von „Ability versus Ability“. „Und setzt euch beim Gespräch mit Rollstuhlfahrern möglichst, um auf Augenhöhe zu kommunizieren.“ Das Wort „Handicap“ mag er gar nicht, das stamme von den Weltkriegsversehrten, die mit Kappe (,Cap’) in der Hand bettelten. Mansell integrierte „Behindertensportarten“ schon in 18 000 Regelschulen – und zeigte den Schreibern Anfeuerungsrufe für den Teamspirit.

Die Londoner Paralympics sollen die größten der Geschichte werden, mit 5000 Sportlern aus 160 Ländern. Auch Fußballstar David Beckham wirbt dafür, Paul Mc Cartney stellte seinen Song „Live and let Die“ zur Verfügung. Ann Cutcliffe, Vizechefin des Britischen Paralympischen Komitee, wünschte allen auf Deutsch viel Spaß. Die Schüler brachten wahrhaft vollen Einsatz.

„Das wird dich umhauen“ – so lautet der Titel einer Reportage der Berlinerin Nora Tschepe-Wiesinger von der Droste-Hülshoff-Schule. Da philosophierte sie über die Schmerzfreiheit der Rollstuhlbasketballer bei ihren Stürzen – und ihren eigenen gebrochenen Arm. Beinahe hätte Nora mit dem Gips nicht einchecken dürfen. Vor lauter Aufregung ließ ein anderen Schüler vorm Rückflug eine Kamera im Taxi liegen: Er war untröstlich, sie war nur geborgt. Seinen Bericht schließt er mit den Worten: „Und am Ende setzt sich die Erkenntnis durch: Eine Kamera ist bezahlbar, die Erfahrungen aus diesen drei Tagen sind es nicht.“

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