Paralympics : Beim Schwimmen ist Zeit = Training

Maike Naomi Schnittger vom SC Potsdam absolviert für eine Paralympics-Medaille ein Mammutpensum.

Nico Feißt
Weltmeisterin aus Potsdam. Bei der WM holte die sehbehinderte Schnittger zweimal Gold.
Weltmeisterin aus Potsdam. Bei der WM holte die sehbehinderte Schnittger zweimal Gold.Foto: imago sportfotodienst

Berlin - Das Handy klingt. Maike Naomi Schnittger ist dran. „Ich komme gerade aus der Schwimmhalle“, sagt sie. „Und dachte ich rufe gleich an, denn telefonieren kann ich unterwegs. Zuhause muss ich ja noch essen und das geht dann nicht gleichzeitig. Dann bliebe mir nicht so viel Zeit heute Abend“, sagt die 22-Jährige und lacht.

Die sehbehinderte Schwimmerin des SC Potsdam optimiert ihren Tagesablauf, wo immer es nur geht – und das muss sie auch. Morgens steht ein kurzes Athletiktraining auf dem Plan, dann eine lange Wassereinheit. Nachmittags geht es in den Kraftraum und abends noch mal ins Becken. Ihrem Traum – den Paralympics in Rio im September – ordnet sie fast alles unter. Im Psychologie-Studium hat sie ein Urlaubssemester genommen, um sich voll auf den Sport konzentrieren zu können. Das scheint sich aktuell auszuzahlen.

„Ich bin sehr zufrieden, wie es momentan läuft. Wir haben das Training ordentlich hochgesetzt, vor allem qualitativ.“ Bei den Internationalen Deutschen Meisterschaften, die ab Donnerstag in Berlin ausgetragen werden, hat sie ein straffes Programm vor sich: Wenn alles funktioniert, wie Schnittger und ihr Trainer Christian Prochnow sich das vorstellen, wird sie in Berlin 16 Starts haben. „Ich habe das große Glück, dass ich die Norm für Rio schon abgehakt habe, für viele andere ist das die letzte Möglichkeit. Ich kann den Wettkampf genießen und habe viele Aufgaben, was Renneinteilung und Technik angeht. Ziel ist es, mich am Sonntagabend ins Bett zu werfen und zu sagen: Okay, das war ein gutes Training.“

Die Taktik, möglichst viele Rennen zu schwimmen, ist in den letzten Wochen bestens aufgegangen: Von den paralympischen Testwettkämpfen in Eindhoven und Rio war bis zur Europameisterschaft im portugiesischen Funchal Anfang Mai stets eine Steigerung erkennbar. Insgesamt 22 Rennen schwamm sie in dieser Zeit in weniger als vier Wochen. „Ich schwimme gerne viele Wettkämpfe, schließlich ist das das beste Training, weil eine ganz andere Grundstimmung herrscht.“ Silber über 400 Meter und Bronze über 50 Meter Freistil waren der Lohn bei der EM, nachdem sie bei der WM 2015 in Glasgow Bronze über 50 Meter geholt hatte.

Schnittger entschuldigt sich kurz und unterbricht das Telefonat, „ich habe Nudeln auf dem Herd. Dann kann ich gleich nach dem Telefonieren essen“, sagt sie und lacht wieder. „Manchmal schieße ich übers Ziel hinaus. Da ist mein Trainer dann ganz wichtig.“ Prochnow bremst sie und hilft ihr, dass sie dem Körper die Erholungsphasen gibt, die er nach der Belastung braucht. Manchmal sind das an einem Sonntag 24 Stunden, das ist dann aber auch das Maximum. In diesem Jahr war sie schon in Trainingslagern in Zypern und auf Mallorca, weitere werden folgen. Dazu die vielen internationalen Wettkämpfe. Schnittger redet mit Begeisterung über hartes Training, das sich andere nur unfreiwillig antun würden.

Nur wenn es um Rio geht, senkt sie ihre Stimme etwas. Das Ziel ist eine Medaille, „die Farbe lasse ich offen“. Die Konkurrenz ist groß. Schnittgers S12-Klasse wurde vor Glasgow mit der S13 zusammengelegt, die etwas mehr sehen als die Schwimmerinnen der S12, deren Sehvermögen maximal drei Prozent beträgt. „Ich könnte mich entweder darüber ärgern, aber das würde aber nur Kraft kosten. Oder ich ziehe extra Motivation daraus und sage mir: Denen zeige ich, dass auch eine S12 da vorne mitschwimmen kann. Ich habe den zweiten Weg gewählt."

Ihre Demut im Hinblick auf die Paralympics hängt aber auch damit zusammen, dass Schnittger 2011 ihre bislang größten Erfolge feierte und zwei Mal Gold bei der Weltmeisterschaft holte. Bei den Paralympics in London gab es dann lediglich zwei siebte Plätze, was vor allem dem Umstand geschuldet war, dass eine Blinddarm-Operation und Pfeiffersches Drüsenfieber eine gute Vorbereitung unmöglich machten und es fast ein Wunder war, dass sie überhaupt nach London fahren konnte. „Das war alles eher suboptimal“, sagte sie. „Wenn mich heute darauf jemand anspricht, sage ich, dass der Blinddarm jetzt ja raus ist und deshalb nichts mehr passieren kann.“ Nico Feißt

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