Paralympics : Der Spirit bleibt lebendig

Eva Loeffler, die Tochter des Begründers der Paralympics, Ludwig Guttmann, trägt die Idee und Vision ihres Vaters weiter. Sie gilt als Bürgermeisterin des Dorfes und als Person des Vertrauens.

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Auf dem Marktplatz des Sportlerdorfes der Paralympics begrüßen die Künstler des National Youth Theater jeden Athleten. Foto: Thilo Rückeis
Auf dem Marktplatz des Sportlerdorfes der Paralympics begrüßen die Künstler des National Youth Theater jeden Athleten. Foto: Thilo...

„Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie ich immer für die Kriegsveteranen die Pfeile aus der Scheibe gezogen habe“, sagt Eva Loeffler. Damals war sie 15 Jahre alt, als ihr Vater, der jüdische Neurochirurg Ludwig Guttmann, die erste größere Sportveranstaltung für Behinderte organisierte. 1948 war das, in dem Ort Stoke Mandeville bei London, und 16 Versehrte der verfeindeten Kriegsnationen Deutschland und Großbritannien maßen sich da in ihren Rollstühlen im Bogenschießen. Sport als Therapie, für die Rehabilitation, und der Psyche wegen: Sollen mich die anderen doch Krüppel nennen, ich kann noch was.

Heute ist Eva Loeffler 79 Jahre alt, und ein Kamerateam nach dem anderen filmt sie auf dem Rasen des paralympischen Dorfes. Die Tochter des Begründers der Paralympics ist bei den Spielen in London vom 29. August bis 9. September Bürgermeisterin des Dorfes im Olympic Park nahe dem Bahnhof Stratford Station. „Es ist ein unglaubliches Gefühl, das jetzt miterleben zu dürfen, dass die Spiele nach Hause kommen“, sagt die grauhaarige Dame, während um sie herum Sportler aus der Ukraine und Malaysia, dem Irak und Mali, Griechenland und Australien an Krücken, in Rollstühlen, humpelnd oder optisch völlig unauffällig in ihren Landestrikots zu den Appartements strömen.

4233 Athleten aus 166 Nationen treten jetzt im Heimatland der paralympischen Bewegung gegeneinander an. Und miteinander für Gleichheit, Gerechtigkeit, Inklusion. „Im paralympischen Dorf gibt es eine Wand, an der Sie alle zugunsten der Umsetzung der UN-Menschenrechtekonvention zur Gleichstellung der Menschen mit Behinderungen unterzeichnen können“, appelliert Loeffler in ihrer Begrüßungsrede an die Athleten, die sie immer aufs Neue für alle hinzukommenden Nationen hält, bis sie beinahe heiser ist. Auf dem Marktplatz des Sportlerdorfes rollen dabei die Künstler des National Youth Theatre für jeden Athleten den roten Teppich aus, so wie sie es auch bei den Olympischen Spielen taten. Audrey Rumsby aus Kalifornien verzaubert mit ihren zarten Harfenklängen, während die bunt verkleidete Künstlergruppe in ihrer Performance jedem „You are the champion!“ entgegenruft. Männer springen auf dynamischen Känguru-Federn unter den Füßen herum, Nichtbehinderte auf Carbonbeinen à la Oscar Pistorius. Dann kommt die „Queen“, Königin der Begrüßungszeremonie, hoch auf dem goldenen Wagen, mal gespielt von einer Frau, mal von einem Mann. „Hier geht es nicht so streng formal zu wie bei Olympia, die ganzen beeindruckenden behinderten Sportler treffen zu dürfen, erfüllt einen viel mehr mit Glück und Spirit“, sagt Sängerin Emily Hinks in gelbem Outfit. So etwas haben die verschleierten Athletinnen aus der arabischen Welt und Teamorganisator Cantol Alexandre Pondja aus Mocambique noch nie gesehen. Der Teamtrainer aus dem Irak, Firas Sal Man, sagt, dass sich die Iraker, die Amerikaner und die Briten im Essenssaal „bestens verstehen“.

„Meinen Vater hätte das sehr glücklich gemacht, miterleben zu dürfen, wie sehr sich die unterschiedlichen Nationen hier beim Sport näher kommen“, sagt Eva Loeffler aus Suffolk. Ihr Vater lebte den Menschenrechtsgedanken vor. Als Jude musste er aus Deutschland fliehen, doch zunächst verhalf er noch jüdischen Akademikern zu Auslandsvisa. In Breslau nahm er über 60 jüdische Flüchtlinge als „Kranke“ im Hospital in Schutz, die in der Reichspogromnacht geflüchtet waren, und gab ihnen hinter dem Rücken der Gestapo-Kontrolleure bei deren Visite Zeichen, wie sie sich am besten krankstellen sollten. 1939 flüchtete die Familie nach Oxford. Dort arbeitete der spätere Sir Ludwig Guttmann als Neurochirurg am Radcliffe Hospital, seine Patienten nannten ihn „Poppa“, „zu uns Kindern war er sehr streng, und wir sahen ihn auch nicht häufig“, sagt Tochter Eva, während sie am Friseur, einem Internetshop und am Supermarkt im paralympischen Dorf vorbeischlendert. Derweil schieben zwei Schwedinnen im Rollstuhl ihre Hightech-Rennrollstühle vor sich her, während Russen im Rolli den Hang herabbrausen, und überall hängen bunte Flaggen von den Balkonen.

„Ich bin mir sicher, dass die Paralympics auch in Großbritannien noch einen Anschub für die Gleichstellung geben, so wie sich in China nach den Paralympics der Stellenwert von Behinderten in der Gesellschaft positiv verändert hat“, sagt Loeffler. Ihr Vater hat 1960 die Spiele nur für Querschnittsgelähmte in Rom mit 400 Athleten aus 23 Nationen in acht Sportarten miterleben können, 1976 beklatsche er das letzte Mal Paralympioniken im Stadion in Toronto mit 40 Nationen. 1980 starb Ludwig Guttmann. Vizepräsidentin Anne Cutcliffe vom Nationalen Paralympischen Komitee schlägt jetzt vor, das Feuer der Paralympics künftig immer in Stoke Mandeville zu entzünden. „Eine brillante Idee“, findet Loeffler. Manchmal reden ja Hinterbliebene am Grab mit ihren Verwandten, ob Eva Loeffler den Spirit der Spiele der Neuzeit ihrem Vater so auch vermittelt? „Ich glaube, dass das Erbe des Verstorbenen in den Nachfahren weiterlebt.“

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