Paralympics : Die Liebe kam im Sprint

Katrin und Roderick Green rannten bei den Paralympics in Athen ineinander. Heute trainiert der Amerikaner seine Frau – sie startet für das deutsche Team.

Annette Kögel
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Dreamteam. Katrin und Roderick Green.Foto: privat

Manchmal haut einen die Liebe förmlich um. Bei Katrin und Roderick Green war das so. „Ich habe bei den Paralympics in Athen vor vier Jahren trainiert, und dann ist dieser Amerikaner vor mir ständig in die Bahn reingeschnitten, und wir sind kollidiert.“ Die heute 23-jährige Leichtathletin Katrin Green aus der deutschen Paralympics-Nationalmannschaft zeigte sich dem Mann aus dem US-Team gegenüber kratzbürstig und selbstbewusst. „Mir hat das imponiert“, sagt der 29-jährige Roderick Green lächelnd, „ich wusste gleich, dass ich sie mal heiraten würde.“ Die beiden trafen sich an einem Getränkeautomaten wieder, stritten – und verliebten sich ineinander. Jetzt sind die Paralympioniken seit drei Jahren verheiratet und leben in Oklahoma-City.

Inzwischen trainiert Roderick nicht nur US-Athleten, sondern auch seine Frau. „Das war am Anfang ,Headache‘, wie die Amerikaner sagen“, sagt er lächelnd. Es gab Kopfschmerzen. Inzwischen kommen sich die beiden aber nicht mehr in die Quere. Seine Frau soll viel schwimmen, erzählt Roderick Green. „Mein Mann hat auch meinen Ernährungsplan zusammengestellt: viel Eiweiß, Gemüse und Salat. Eigentlich esse ich so gerne deutsches Brot“, sagt Katrin Green. Sie tritt weiter gern für Deutschland an.

Als nach ihren Medaillensiegen bei den Paralympics in Peking die deutsche Flagge hochgezogen wurde, „haben mich tiefe Heimatgefühle bewegt“. Die Sprinterin holte für Deutschland in ihrer Startergruppe mit 28,02 Sekunden über 200 Meter Gold. Den Sieg über 100 Meter verpasste sie nur knapp, weil sie beim Start mit der Prothese schräg aufgekommen war. Doch sie beschleunigte noch so sehr, dass sie als Vierte ins Ziel kam. „Dieser Erfolg ist mir besonders wichtig.“

Die Leichtathletin ist auf einem Bauernhof in der Pfalz aufgewachsen. Eine neue Mähmaschine war der Stolz der Familie. Als das Gerät vorgeführt wurde, sollte Kat rin als Fünfjährige im Haus bleiben. „Ich war aber schon immer sehr neugierig“, sagt sie. Als der Kreiselmäher am Traktor lief, wurden zwei Messer, die lose waren, herausgeschleudert. Das eine Mähmesser durchtrennte den Fuß ihres Großcousins, „aber dieser Fuß konnte später wieder angenäht werden“. Ihr eigener nicht.

„Ich kann mich noch daran erinnern, wie ich den Fuß da liegen sah, und an den Flug im Helikopter ins Krankenhaus. Aber die meiste Zeit war ich ohnmächtig.“ Später bekam sie links die Prothese – ihr Mann ist ebenfalls Prothesenläufer. Roderick Green wurde ohne rechtes Wadenbein und Knöchel geboren, mit zwei Jahren wurde dem Jungen der Fuß amputiert. Dass sich da zwei Prothesenläufer gefunden haben, ist aber nicht unbedingt die Regel. Viele Behindertenathleten sind auch glücklich mit Menschen ohne Handicap.

Ihre Liebe für den Sport hat Katrin nur langsam entdeckt. Sie hat Schulsport gemacht oder mal Liegestützwettbewerbe mit ihren drei Brüdern. Schließlich brachte sie ein Vertreter einer Orthopädietechnikfirma im Unfallkrankenhaus der Berufsgenossenschaft auf die Idee, Leistungssport zu treiben. So lief Katrin los, in ein neues Leben. „Ich definiere mich aber nicht in erster Linie über den Sport“, sagt sie heute. Wenn sie in einem Fragebogen Charaktereigenschaften ankreuzen müsste? „Einfühlsam, emotional, kreativ, intelligent, ehrgeizig.“ Die 23-Jährige dekoriert zu Hause gern, liest viel. Eine kurze Pause steht an, denn „ich habe bald eine kleine Operation am rechten Knie, einen Knorpelschaden, wegen der Überlastung. Wir trainieren ja genauso viel wie Athleten ohne Handicap.“ Deswegen ärgerte es die Medaillengewinnerin auch so sehr, als sie nach den Spielen in China von einem Vertreter des deutschen Sports begrüßt wurde mit den Worten: „Es ist schon erstaunlich, welche Leistungen selbst Behinderte bringen können.“

Weltweit berichteten Fernsehsender noch nie so viel von Paralympics wie von jenen in Peking, wie das Internationale Paralympische Komitee jetzt bilanzierte: Insgesamt verfolgten mehr als 3,8 Milliarden Menschen die Übertragungen. „Ich finde aber, dass der Sport immer noch nicht die Aufmerksamkeit bekommt, die er verdient“, sagt Roderick Green. Er selbst sammele keine Fotos von Läufen. „Ich bin nicht so die ,Picture Person‘ wie Katrin.“

Nächstes Jahr will er seine Frau fit machen für die World Games im Herbst in Indien, und natürlich will sie auch bei den Paralympics 2012 in London starten. Und dann steht auch an der Universität das Finale an: Katrin Green studiert Spanisch und Medizin. „Ich mache den ,PA‘, in Deutschland wäre das der Assistenzarzt.“ Sie träumt davon, später eine eigene Praxis aufzumachen – „am liebsten für Kinder, ich liebe Kinder und möchte auf jeden Fall eigene haben. Aber ich weiß nicht, ob ich als Ärztin die Schicksale meiner Patienten verkraften würde.“

Und ihr eigenes Schicksal? „Oberflächlich habe ich alles gut verarbeitet.“

Dabei half ihr auch der lange Brief ihres vor vielen Jahren an Krebs verstorbenen Vaters. Er hinterließ ihr auch eine detaillierte Schilderung des Unfalls. „Ich selbst hatte das aber alles still und undramatisch in Erinnerung.“ Phantomschmerzen kennt sie nicht, aber noch heute plagen sie Albträume. Aber dann liegt ja Roderick neben ihr. Wenn er mal scherzhaft unten an ihrer Prothese killert, „dann fühle ich richtiges Kitzeln“. Das Weihnachtsfest verbringen die beiden in Louisiana, bei Rodericks Familie.

Über ihre sportliche Leidenschaft sagt Katrin Green: „Ich liebe es über alles, die Ehefrau meines Mannes zu sein. Dafür würde ich auch den Sport aufgeben.“

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