Paralympics : Faszination Rollstuhlbasketball

Fußgänger können vom Rollstuhlbasketball durchaus etwas lernen. Beobachtungen von der EM in England.

Nico Feißt
Enagagiert. Rollstuhlbasketball-Bundestrainer Nicolai Zeltinger (Mitte).
Enagagiert. Rollstuhlbasketball-Bundestrainer Nicolai Zeltinger (Mitte).Foto: Imago/Schepp

Die Fans warten, bis die Spielzeit abgelaufen ist, bis die letzten Sekunden des Finales endlich vorbei sind: Dann darf gejubelt werden. Deutschland ist Europameister 2015 im Basketball! Doch die Hauptakteure heißen nicht Dirk Nowitzki, nicht Dennis Schröder, nicht Tibor Pleiß und auch nicht Chris Fleming. Viel mehr handelt es sich um Gesche Schünemann, Marina Mohnen, Annika Zeyen, Trainer Holger Glinicki - und die deutsche Rollstuhlbasketball-Nationalmannschaft der Frauen.

Denn während sich die deutsche Medienlandschaft nahezu ausnahmslos auf die deutschen Basketballer der „Fußgänger“ um die beiden NBA-Stars beschränkt, haben die deutschen Rollstuhlbasketballer und Rollstuhlbasketballerinnen im englischen Worcester furiose Turniere gespielt.

Die Frauen konnten erstmals seit dem Paralympics-Sieg 2012 in London wieder einen Titel erringen. Die Männer spielten erfüllten die Erwartungen ebenfalls und holten Bronze. Beide Teams qualifizierten sich damit souverän für die Paralympics im kommenden Jahr in Rio - und haben den „Fußgängern“ damit etwas voraus. Denn auch für Dirk Nowitzkis Mannschaft sind die Olympischen Sommerspiele 2016 der große Traum, mindestens Platz sieben daher das Ziel.

„Bei einer Heim-WM wie jetzt in Berlin gibt es natürlich immer mehr Trubel und mehr Druck, wenn man zuhause spielt“, weiß Frauen-Erfolgstrainer Holger Glinicki. 2013 hatte er das mit seinen Damen in Frankfurt erlebt, damals blieb nach sechs EM-Titeln in Folge nur Platz zwei im Finale gegen die Niederlande. Am Sonntag gelang die Revanche.

Einfach zum Erfolg: Die deutschen Teams traten als Einheit auf

Ob die Rollstuhlbasketballer der DBB-Auswahl Tipps geben können? „Man muss als Mannschaft auftreten, das hat uns den Sieg gebracht. Holland hatte mit Mariska Beijer zwar eine überragende Spielerin, aber bei uns waren letzten Endes alle sehr gut. Das gilt auch für die Fußgänger: Ein Nowitzki oder ein Schröder kann nicht alles erledigen, die anderen müssen auch funktionieren“, sagt Glinicki.

Herren-Trainer Nicolai Zeltinger, der einst vom Fußgänger-Basketball zum Rollstuhlbasketball wechselte, hat ebenfalls einen Erfolgs-Ansatz für seinen Trainerkollegen Chris Fleming: „Die Spieler müssen sich untereinander vertrauen, und sie brauchen das Vertrauen in den Betreuerstab. Bei uns hat sich das Vertrauen der Spieler in mich auch ausgezahlt, da bin ich mir sicher“, sagt Zeltinger und fügt hinzu: „Wir alle hier unterstützen unsere Fußgänger-Nationalmannschaft übrigens absolut!“

Flügelspieler Jan Haller sah, nachdem er von der knappen Niederlage des DBB-Teams gegen Vize-Weltmeister Serbien gehört hatte, einige Parallelen zu seinem EM-Turnier mit der Nationalmannschaft: „Die Leistungsdichte bei der EM ist enorm hoch, genau wie bei uns. Da schlägst du die Briten, den aktuellen Europameister, in der Vorrunde mit 34 Punkten, verlierst dann aber im Halbfinale leider mit neun. Das ist die Tagesform, auf die es ankommt. An einem Tag erwischst du den Gegner so, am anderen so - und deshalb ist auch für die Fußgänger in jedem Spiel alles möglich.“

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