Paralympics-Fazit : Alleine größer werden

Die kanadischen Gastgeber haben den paralympischen Sport so ernst genommen wie keine andere Nation seit Jahren. Das bestätigen ihnen viele Sportler und Zuschauer.

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Mitgemacht. Wir sind alle Paralympier. -Foto: Thilo Rückeis

Die Paralympics leuchten weiter. „Go Canada go!“, blinkt der Anfeuerungsruf immer hellorange oben am Bus. Die Kanadier sind immer noch im paralympischen Fieber. Ihr Nationalteam scheiterte zwar am Freitag in der Königsdisziplin, dem Sledgehockey, gegen Norwegen knapp und landete auf Platz vier. Auch im Medaillenspiegel liegen die Gastgeber kurz vor Ende der Spiele am Sonntag auf Platz vier. Dafür aber führen sie in einer anderen Wertung: Sie haben den paralympischen Sport so ernst genommen wie keine andere Nation seit Jahren, das bestätigen ihnen viele Sportler und Zuschauer.

Die Paralympics sind noch einmal gewachsen, 504 Athleten aus 44 Nationen traten diesmal an, 2006 in Turin waren es noch 474 aus 39 Ländern. Und sie haben wieder etwas mehr Mitleid von sich geschüttelt. Die großen Zeitungen Kanadas etwa haben täglich auf mehreren Seiten sachlich die Regeln der Wettbewerbe beschrieben, die Spielweise etwa beim Rollstuhlcurling mithilfe von Infografiken erklärt und Favoriten verschiedener Länder porträtiert. „Rosamunde Pilcher ist hier nicht“, sagt der deutsche Rollstuhlcurler Jens Jäger. Stattdessen werden Goldmedaillen der McKeever-Brüder gefeiert oder der Lokalmatadorin Lauren Woolstencroft. Behindert oder nicht behindert – bei diesen Spielen begegnete der Gastgeber allen auf Augenhöhe. Das lobte auch die vierfache deutsche Goldmedaillengewinnerin Verena Bentele. Sie wurde an der Strecke als „eine der größten paralympischen Athletinnen überhaupt“ bejubelt.

Das Gesicht der Spiele hat sich verändert. In Athen 2004 wurde noch die Geschichte der olympischen Bewegung zelebriert, in China 2008 dienten die Paralympics zur politischen Meinungsmache. In Kanada feiert eine Sportnation schlicht die weltbesten Athleten und ihre Leistungen. „Ich finde Leistungssportler mit Handicap noch viel faszinierender als die Sportler, die während Olympia hier waren“, sagt Ian Wood, Kapitän einer der „Seaferries“ in Vancouver. Modedesignerin und Sportfan Dalila Jafari findet, „die Paralympics haben eine eigene Magie“. Das hört man oft dieser Tage in Kanada.

Schon mit ihrer Eröffnungsfeier haben das Organisationskomitee Vanoc und das Internationale Paralympische Komitee neue Akzente gesetzt. Da bestritten vornehmlich Showstars und Nationalhelden mit Handicap das Bühnenprogramm. Kanada geht ganz selbstverständlich mit seinen Handicap-Athleten um, und das ist bis in die Pisten und Loipen zu spüren, bestätigt der mehrfache deutsche Goldmedaillengewinner Martin Braxenthaler. Selbst bei seiner Außenpolitik will Kanada, das seit Jahrzehnten behinderte und nichtbehinderte Kinder an Schulen auch im Sportunterricht gemeinsam groß werden lässt, laut Außenminister Lawrence Cannon Schwerpunkte bei der Integration von Behinderten legen. Im eigenen Land aber, beim Paralympischen Dorf, gab es indes Punktabzug. „Unser Team musste umziehen, weil wir mit den Rollstühlen etwa im Bad nicht klarkamen“, erzählt Rollstuhlcurler Jens Jäger.

Die Fans übertrafen sich gegenseitig in roter Ahornkostümierung

Auch dieser Nationalsport füllte in Kanada die Hallen, die Fans übertrafen sich gegenseitig in roter Ahornkostümierung. Und sie standen Schlange vor den vielen Testparcours, an denen man unter dem stolzen Motto „Be a Paralympian!“ selbst in einem Sledgehockeyschlitten den Puck jagen oder im Monoskischlitten versuchsweise den Hang hinabfahren konnte. Vor den Spielen gingen Sportler sogar zu Workshops an Schulen – sportliche Integration auf kanadisch.

Weil die Paralympics an Ausstrahlung gewonnen haben, hat der Gründer des Internationalen Paralympischen Komitees Robert Steadward die alte Forderung wieder erhoben, Olympische und Paralympische Spiele künftig zeitgleich stattfinden zu lassen. Er bekam dafür einigen Zuspruch von Sportlern, die sich gern in neuem Rampenlicht sehen würden. Und kassierte Widerspruch vom aktuellen Präsidenten des Internationalen Paralympischen Komitees Sir Philip Craven: „Das würde den Paralympics nicht guttun, wir haben uns als eigene Marke etabliert.“

Friedhelm Julius Beucher, neuer Präsident des Deutschen Behindertensportverbandes, will lieber das Alleinstellungsmerkmal der Paralympics stärken. „Da muss ich an die Frauenfußballpokal-Endspiele denken. Solange sie vor denen der Männer stattfanden, waren sie für viele Zuschauer leider nur zum Aufwärmen da.“ Ganz abgesehen von den logistischen Problemen, die eine Zusammenlegung mit sich brächte. „Wir reiten noch auf der olympischen Welle mit, bei einer Fusion würden wir sicher untergehen“, sagt der mehrfache Medaillengewinner, der Abfahrtsfahrer Gerd Schönfelder. Dem pflichtet auch Paralympics-Besucherin und Ex-Ministerin Brigitte Zypries bei. „Auf nationaler Ebene kann man das aber mal ausprobieren“, sagt sie.

In Kanada liegen nun überall Prospekte aus: Sotschi 2014. Auch das sollen große Spiele werden, deswegen spendieren die Russen ihren Goldmedaillengewinnern jetzt schon 100.000 Dollar und ein Auto. Die Kanadier auf den Treppchen bekommen kein Geld, das wird auch im Fernsehen kritisch bewertet. Die 17 Jahre alte Schülerin Anna Schaffelhuber, Gewinnerin der Bronzemedaille im Monoski-Super-G, erhält dagegen eine Belohnung, die nicht zu bezahlen ist. Sie darf die deutsche Fahne bei der Abschlussfeier tragen.

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