Paralympics in Peking : Neues Land des Lächelns

Die Paralympischen Spiele von Peking haben die Athleten begeistert. Was aber brachten sie für die 83 Millionen Menschen mit Behinderung in China?

Benedikt Voigt

Auf der Zhan-Qiao-Seebrücke liegt ein Mensch ohne Beine. Sein Körper ruht auf einem Rollbrett, wie ein Rodler im Eiskanal schiebt er sich mit Armschlägen langsam heran. Es ist ein junger Mann ohne Hemd mit einem muskulösen Oberkörper. Und einem strahlenden Lachen, mit dem es ihm gelingt, mehreren chinesischen Touristen ein paar Yuan-Scheine für seine Plastikschale abzugewinnen. Die Passanten gehen weiter in Richtung Huilan-Pavillon - und treffen erneut auf einen auf dem Boden liegenden Jungen. Auch er hat keine Beine. Auch er bittet um Geld. Vor dem Pavillon liegt noch einer.

Dieses traurige Bild hat sich nur eine Woche nach dem Ende der Paralympischen Spiele auf einer der wichtigsten Sehenswürdigkeiten der olympischen Segelstadt Qingdao geboten. Dabei hatte man in den Wochen zuvor beinahe vergessen, dass dies auch zur Lebenswirklichkeit behinderter Menschen in China gehört: Sie müssen betteln, um ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können. Die Paralympischen Spiele in Peking hingegen hatten ein ganz anderes Bild gezeichnet: Dort jubelten Zuschauer behinderten Athleten begeistert zu. Fast alle paralympischen Sportler strahlten zurück, denn die uneingeschränkte Begeisterung der chinesischen Bevölkerung hatte sie angesteckt. Auch das ist eine chinesische Realität.

Die Paralympischen Spiele in Peking vom 6. bis zum 17. September 2008 waren sicher ein Erfolg. "Es ist fantastisch, so im Mittelpunkt zu stehen", sagte der 43 Jahre alte Tischtennisspieler Jochen Wollmert, der seit seiner Kindheit mit versteiften Arm- und Fußgelenken lebt. Zwar gewann er in Peking eine Goldmedaille in der Klasse sieben, trotzdem genoss sein diesmal ohne Medaille gebliebener Teamkollege Rainer Schmidt noch größeren Ruhm. Das hatte er dem staatlichen Fernsehsender CCTV zu verdanken, der ein Vorrundenspiel Schmidts live übertragen hatte.

Viele der tischtennisbegeisterten Chinesen staunten über seine Leistung. Wie kann einer, der ohne Hände und Arme geboren ist, eine so gefährliche Rückhand spielen? "Dieser Deutsche ist sehr gut", sagte der Taxifahrer Zhao Yun, der die Partie auch im Fernsehen verfolgt hat. Schmidt nennt sich selber "Ohnhänder". Der Pastor, der nach Peking seine Laufbahn beendet hat, war ebenfalls begeistert von der Stimmung bei den Spielen. "So stelle ich mir Olympische Spiele vor, es kann nicht perfekter sein." Auch die reibungslose Organisation in den prächtigen Olympiabauten beeindruckte die Athleten sehr - doch die Begeisterung der Zuschauer hat das besondere Flair dieser Paralympics ausgemacht. Hatten in Athen viele Wettbewerbe vor herbeibeorderten Schulklassen stattgefunden, so hatten in Peking 60 000 Zuschauer für 50 Yuan (knapp fünf Euro) eine Karte gekauft, um sogar Vorläufe in der Leichtathletik zu sehen. Oder interessierte sie doch etwas anderes?

Die Paralympics haben sicherlich auch von der allgemeinen Olympiabegeisterung in China profitiert. Viele Chinesen hatten keine Karten für die Olympischen Spiele bekommen. Bei den Paralympics aber konnten sie endlich selbst Teil der Spiele werden, auf die das Land hingefiebert hatte. Wie groß das Olympiafieber war, zeigte sich schließlich an den Oktoberfeiertagen, als das Olympiagelände erstmals seit den Spielen zu besichtigen war. 50 000 Zuschauer kauften sich für den ersten Tag ein 50 Yuan teures Ticket für das Nationalstadion - obwohl dort überhaupt nichts stattfand. Bis zum heutigen Tag hat es keine weitere Veranstaltung im Niao Chao, dem Vogelnest-Stadion, gegeben. Stattdessen strömen täglich tausende chinesische Besucher hindurch, und erinnern sich der vielen Medaillen, die ihre Athleten gewonnen haben.

Auch bei den Paralympics hat die chinesische Mannschaft den Medaillenspiegel mit 89 Goldmedaillen vor Großbritannien mit 42 Goldmedaillen angeführt. Das deutsche Team landete auf Rang elf mit 14 Goldmedaillen. "Mit China und Großbritannien kommen wir momentan nicht mit", sagte der deutsche Chef de Mission, Karl Quade, "China hat ein Riesenpotenzial und Großbritannien hat enorme Finanzmittel, die meisten Athleten sind dort Profis." Insgesamt stellte er fest, dass die Professionalisierung im Paralympischen Sport weiter fortgeschritten ist. "Manche Leistungen hatten das Niveau eines Endlaufes bei der Deutschen Meisterschaft des Leichtathletik-Verbandes", sagte er. Bei den Nicht-Behinderten wohlgemerkt.

Für diese Professionalisierung standen in Peking vor allem drei Namen: Oscar Pistorius, Natalie du Toit und Natalia Partyka. Der Beinamputierte Pistorius hat es nur knapp nicht geschafft, sich auf seinen Karbonprothesen für die Olympischen Spiele zu qualifizieren. Bei den Paralympics gewann er dann drei Goldmedaillen über 100, 200 und 400 Meter in der Klasse T44. Die australische Schwimmerin Natalie du Toit und die polnische Tischtennisspielerin Natalia Partyka haben Pistorius' Traum bereits verwirklicht. Sie haben in Peking sowohl bei den Olympischen Spielen als auch bei den Paralympischen Spielen teilgenommen. Die beinamputierte du Toit belegte bei Olympia im Langstreckenschwimmen Platz 16, bei den Paralympics holte sie fünf Goldmedaillen und stellte zwei Weltrekorde auf. Die Polin Natalia Partyka, der von Geburt an die rechte Hand und der rechte Unterarm fehlen, scheiterte bei den Olympischen Spielen mit der Mannschaft in der Vorrunde. Von den Paralympics kehrte sie mit Gold im Einzel und Silber mit der Mannschaft zurück.

Doch die gewachsene Professionalisierung lässt sich auch an den Gesamtkosten ablesen, die im Juni erstmals veröffentlicht worden sind. Die Paralympics haben nach Angaben der chinesischen Regierung mit je 863 Millionen Yuan (90 Millionen Euro) Kosten und Einnahmen einen ausgeglichenen Etat verzeichnet. Insgesamt haben die Olympischen Spiele sogar einen Gewinn von 104 Millionen Euro abgeworfen, rechnete das Chinesische Rechnungsamt vor. Das "Wall Street Journal" macht allerdings eine andere Rechnung auf. Es vermisst die 40 Milliarden Dollar, die China im Vorfeld der Spiele in Infrastrukturmaßnahmen gesteckt hat. Das Erbe der Paralympischen Spiele 2008 bemisst sich aber nicht nur an den neuen behindertenfreundlichen Zugängen an der Großen Mauer im Norden Pekings. Vielmehr fragt man sich, ob die stundenlangen Fernsehübertragungen behinderter Menschen auch die Einstellung in China gegenüber den 83 Millionen Behinderten im Land ändern konnten.

Zu oft haben chinesische Familien ihre behinderten Kinder zu Hause versteckt, aus Scham und Furcht vor den Reaktionen der Mitmenschen. Zu selten finden behinderte Menschen in China einen passenden Job. Viele Blinde arbeiten traditionell nur als Masseure, viele Körperbehinderte ernähren sich vom Betteln. Hat sich daran seit jenen begeisternden Paralympics-Tagen von Peking etwas geändert?

Man müsste noch einmal die Zhan-Qiao-Seebrücke in Qingdao besuchen.

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