Paralympics in Rio : Die Boxengasse der Paralympics

In der Hauptwerkstatt von Ottobock im Paralympischen Dorf wurden die Sportgeräte aller Wettkampfteilnehmer startklar gemacht.

David Hock
Hier wird gewerkelt. Die Werkstatt in Rio von Ottobock.
Hier wird gewerkelt. Die Werkstatt in Rio von Ottobock.Foto: promo

Hani Abdelsalam kann sein Glück kaum fassen. „Ja, dieser neue Rollstuhl gehört nun Ihnen!“, versichert ihm Techniker Hughes Myner. Eigentlich wollte der 34-jährige Schwimmer wie viele andere sein altes Exemplar reparieren lassen. Doch in diesem Fall war ein Komplett-Austausch alternativlos. Der Rollstuhl war über 30 Jahre alt, es hätten so viele Teile ausgewechselt werden müssen, dass sich der Aufwand letztlich nicht gelohnt hätte. So sitzt der Mann aus Ägypten nun, sichtlich gerührt, in seinem neuen Gefährt und umarmt Hughes Myner. Auch der Kanadier strahlt: „Solche Momente sind unbezahlbar! Die Dankbarkeit der Athleten zu sehen ist für mich ein Hauptgrund, warum ich bei jeden Paralympics wieder neu dabei sein möchte!“
Athleten zu helfen, so lautet die Devise, welche die 104 Mitarbeiter aus 29 Nationen im Team antreibt. So viele waren bei den Paralympics in Rio de Janeiro am Start.

Jeder Paralympionike kann seine Hilfsmittel gleichermaßen auf Vordermann bringen lassen. Ein Komplett-Austausch wie bei Abdelsalam bleibt für die lizenzierten Techniker die letzte Option. Gerade bei Prothesen ist so etwas gar nicht ohne Weiteres möglich, da die Athleten mit neuen Prothesen eine gewisse Eingewöhnungszeit brauchen. Außerdem müssen diese individuell angepasst werden - die dafür benötigte Zeit fehlt im eng getakteten Wettkampfbetrieb. Schnelle und dennoch wirksame Lösungen gilt es zu finden, um die körperlich fitten Sportler auch technisch startklar zu machen. Über 15.000 Einzelteile wurden dafür nach Rio verschifft, zum Ende der Spiele ist ein Großteil davon verbraucht. Die Arbeitssituation in der Werkstatt ähnelt der in einer Boxengasse beim Motorsport.

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Paralympics enden mit bunter Show
Paralympics enden mit bunter Show

Der Reparatur-Service ist ein logistisches Großprojekt. Chef-Koordinator Peter Franzl blickt auf zweieinhalb Jahre Vorbereitungszeit zurück. Im Vergleich zu den Paralympics 2012 in London hat in Brasilien vor allem die Reisedistanz eine Rolle gespielt: „Mit Rio in Lateinamerika haben wir uns auf ein oder zwei Aufenthalte im Jahr beschränkt, ansonsten mussten wir alles über Mail und Skype organisieren. Letztendlich hat aber auch hier alles großartig geklappt!“

Bis zu 200 Reparaturen erledigte das Ottobock-Team täglich

Der Werkstattbetrieb hatte schon am 28. August, also zehn Tage vor der offiziellen Eröffnungsfeier, begonnen. Gerade in der Anfangszeit lassen viele Paralympics-Teilnehmer ihre Sportgeräte überprüfen, bis zu 200 Reparaturen erledigte das Ottobock-Team in diesen Tagen. Die Techniker fungieren in ihrer Arbeit nicht nur als Dienstleister, sie schenken den häufig nervösen Athleten auch Mut. Der Satz „Ihr Rollstuhl ist nun hundertprozentig einsatzbereit!“ gibt Sicherheit. Wenn es am Ende klappt mit einer Medaille, kommen viele noch einmal vorbei, um sich zu bedanken und ein Erinnerungsfoto zu machen.

Umarmung. Hani Abdelsalam bedankt sich bei Ottobock-Chefkoordinator Peter Franzl.
Umarmung. Hani Abdelsalam bedankt sich bei Ottobock-Chefkoordinator Peter Franzl.Foto: Maxie Borchert

„Für uns Techniker ist das eine zusätzliche Motivation. Wir wissen, dass wir den Athleten mit zu ihrer Medaille verholfen haben“, sagt Julian Napp. Hier in Rio kommen immer wieder Sportler in die Werkstatt, die speziell nach dem 29-Jährigen fragen. Es sind Personen, die sich noch immer an den Techniker erinnern, der ihnen in London vor vier Jahren geholfen hat. Einer davon ist Speerwerfer Marcio Fernandes: In London hatte der Mann von den Kap Verden Probleme mit seinem Prothesen-Schaft, Wundstellen und Schmerzen hätten die Wettkampfteilnahme beinahe verhindert. Doch Napp konnte helfen, Fernandes wurde Neunter. Die beiden tauschten Handynummern aus und blieben im Kontakt. Im letzten Jahr konnten Athlet und Techniker gemeinsam in Doha den Weltmeistertitel feiern. Auch hier in Rio sind die zwei wieder zusammengekommen – wenn auch ohne Medaillenparty.

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