Paralympics : Neue Diskussion über Techno-Doping nach Pistorius-Niederlage

"Das war kein faires Rennen" - Oscar Pistorius, der Superstar der Paralympics, ist geschlagen worden. Der 20-jährige Brasilianer Alan Oliveira lief über 200 Meter Weltrekord - und entfachte damit eine neuerliche Prothesen-Diskussion.

von
Vorteil durch Technik? Der Brasilianer Alan Oliveira läuft über 200 Meter schneller als Oscar Pistorius.
Vorteil durch Technik? Der Brasilianer Alan Oliveira läuft über 200 Meter schneller als Oscar Pistorius.Foto: dpa

Oscar Pistorius hat verloren. Der Pionier der Paralympics-Bewegung, der nach jahrelangen Diskussionen um seine Prothese auch bei Olympia starten durfte, wurde vom gerade 20-jährigen Brasilianer Alan Oliveira über 200m geschlagen. Nun sieht er sich der nächsten Prothesen-Diskussion ausgesetzt – dieses Mal als Ankläger und Leidtragender zugleich.

„Das war kein faires Rennen“, platzte es aus dem Südafrikaner heraus, nachdem er zuvor schon wie der sichere Sieger ausgesehen hatte: „Ich will seine Leistung nicht schmälern, Alan ist ein toller Athlet, aber ich weiß nicht, wie man acht Meter Rückstand auf 100 Metern aufholen kann, wenn ich 10 Meter pro Sekunde renne.“

Oliveira hatte nach einem schwachen Start bereits weit zurückgelegen, bis er gegen Ende wie eine Dampfwalze über die Mondo-Bahn fegte. Im Vorlauf bekam man schon einen Vorgeschmack von seinem Können: Trotz der Tatsache, dass er 50 Meter vor dem Ziel bereits Kräfte schonte, kam der Newcomer mit 21,88 sec ins Ziel. Da war nur Pistorius schneller: Mit 21,30 sec im Vorlauf hatte er zum Auftakt seiner Paralympics für einen Weltrekord gesorgt und lächelte danach, dass es schön sei, beim Warm-Up bereits Rekorde zu brechen.

Das Lächeln war ihm dann jedoch vergangen, als der Brasilianer, der 2016 in seiner Heimat Rio auftrumpfen will, ihn im Finale mit den letzten Schritten überholte und mit 21,45 sec siegte. Der südafrikanische Superstar lag 0,07 Sekunden dahinter. Es war Pistorius erste Niederlage überhaupt in einem 200m-Lauf: „Das war ein starkes Rennen von mir, aber wie ich schon nach dem Vorlauf sagte: das IPC will einfach nicht hören. Sie machen die Regeln, aber diese erlauben es den Athleten, sich unglaublich groß zu machen. Wir haben in den letzten Wochen versucht, diese Sachverhalte mit ihnen zu klären, stießen aber auf taube Ohren.“

Nun muss Pistorius, nachdem er nach langem Hin und Her an den Gerichtshöfen endlich zu den Spielen der Nichtbehinderten zugelassen wurde, seinen nächsten Kampf antreten. Dieses Mal ist er zwar Ankläger, zugleich aber auch Opfer, da das ihm vorgeworfene Technodoping in Gestalt von Alan Oliveira nun seinen Traum vom Gold-Hattrick über 200m zerstörte. Gleich nach dem Rennen verschwand er mit drei Offiziellen des Weltverbandes IPC zur Schilderung seiner Sichtweise, jedoch verständigte man sich auf einen späteren Termin, in dem die Emotionen des Rennens keine Rolle mehr spielen würden: „Wir respektieren die bedeutende Rolle Oscar Pistorius für den paralympischen Sport und wollen ihm die Möglichkeit geben, seine Sicht der Dinge zu äußern. Alle Prothesen der Teilnehmer entsprachen gemäß den Kontrollen vor dem Rennen jedoch den Richtlinien der IPC.“

Diese wurden für doppelt Unterschenkelamputierte geändert: Bei der WM 2011 in Christchurch wurden die Athleten vermessen. Anhand einer komplexen Formel, die sich unter anderem nach Dynamik und Größe der Athleten berechnet, wurde festgelegt, wie lang die Prothesen sein dürfen. „Ich war vor meinem Unfall 1,82 m und bin es auch jetzt noch mit Prothesen. Laut Reglement dürfte ich aber 1,93 m hoch sein. Da kann doch etwas nicht stimmen.“, pflichtete der deutsche Starter David Behre, der im Finale Siebter wurde, Pistorius bei.

Er ging sogar noch weiter: „Leeper und Oliveira waren bei der WM noch 10 cm kleiner, aber sie verhalten sich regelkonform, weil es die Regeln zulassen. Da muss beim IPC was passieren, die Größe kann bis zu 20 cm pro Schritt ausmachen. Ich selbst würde meine Stelzen aus dem Grund schon nicht länger machen, weil wir uns in der Techno-Doping-Debatte dann selbst ins Fleisch schneiden würden. Mit der Regel schadet das IPC Oscar.“

Oliveira, der nun das Gesicht der „New Blade Runner Generation“ werden wird, zeigte sich nach dem Rennen enttäuscht, dass Pistorius ihn des Regelbruchs bezichtigte: „Er ist ein wirklich großes Vorbild, und so etwas von einem solch tollen Athleten zu hören, ist sehr schwierig. Ich laufe seit über einem Monat mit den vom IPC kontrollierten Prothesen.“

Dennoch tat dies seiner Freude keinen Abbruch: „Viele haben mir gesagt, es ist unmöglich, Pistorius zu schlagen, weil er von einem anderen Planet ist. Doch ich habe gezeigt, dass es nicht so ist und selbst Geschichte geschrieben. Die Medaille ist für meine Familie, meine Freunde, und für jeden einzelnen Brasilianer.“

Der Autor ist Schülerreporter der Paralympics-Zeitung in London.

Autor

4 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben