Paralympics-Tagebuch (6) : Unvergessliche Begegnungen

Es sind nicht nur die sportlichen Höchstleistungen, es sind vor allem auch die Menschen, die mich bei den Paralympics in London beeindrucken.

Maxie Borchert
Maxie Borchert, Schülerreporterin der "Paralympics Zeitung".
Maxie Borchert, Schülerreporterin der "Paralympics Zeitung".Foto: Thilo Rückeis

Jede Nacht sitze ich in meinem Zimmer und kann nicht schlafen. Ich will auch gar nicht schlafen. Ich will, dass der Tag weitergeht. Egal wie müde ich bin, ich will noch mehr sehen und noch mehr erleben. Dabei kann ich gar nicht genau sagen, was das Schönste hier bei den Paralympics ist.
Jeden Tag herrscht eine grandiose Atmosphäre. Jeden Tag dürfen wir miterleben wie die Sportler bis an ihre Grenzen gehen und schließlich auf dem Siegerpodest um Fassung ringen.

Besonders schön ist es auch bekannte Gesichter wiederzusehen. In Vorbereitung auf die journalistische Arbeit bei den Paralympics durfte ich schon viele tolle Menschen kennenlernen, die mir hier in London erneut begegneten. Wie zum Beispiel der Schwimmer Lucas Ludwig, den ich Anfang März für den Artikel interviewen durfte, mit dem ich mich für das Projekt „Paralympics Zeitung“ beworben habe. Er hat dazu beigetragen, dass ich hier sein kann und deswegen habe ich mich besonders gefreut, als ich ihn vor wenigen Tagen im „Aquatics Centre“ traf. Schon als ich Lucas am Ende der Zuschauertribüne sah, breitete sich ein Lächeln auf meinem Gesicht aus. Ich kann mich noch daran erinnern wie wir uns vor ein paar Monaten im Sportforum Berlin über den Weg gelaufen sind und er sagte: „Wir sehen uns in London.“ Und dann stand er vor mir, hier in London, zwischen den jubelnden Menschenmassen, mit seinen Deutschlandsachen. Unglaublich.

Die deutschen Sitzvolleyballer in Aktion zu sehen, konnte ich ebenfalls kaum erwarten. Ich spiele selbst leidenschaftlich gern Volleyball und durfte Anfang Juli sogar bei einem Sitzvolleyballtraining mitmachen. Dabei lernte ich die Nationalspieler Peter Schlorf, Christoph Herzog und Alexander Schiffler kennen. Auch mit dem Trainer Rudi Sonnenbichler hatte ich vor meiner Ankunft in der englischen Hauptstadt telefonischen Kontakt. Als ich ihn dann zufällig mit dem gesamten Team beim Basketball antraf, wollte ich mich dem Coach persönlich vorstellen. Nur funktionierte dies nicht auf die erhoffte diskrete Art und Weise. Als das Team gerade die Halle verlassen wollte, schlich ich mich unbemerkt zum Cheftrainer und gewann durch ein zurückhaltendes „Verzeihung“ seine Aufmerksamkeit. Nachdem ich mich vorgestellt hatte, schlang Rudi Sonnenbichler kurzerhand seinen Arm um mich und drehte uns zur Mannschaft. „Die Maxie Borchert“, wiederholte er laut während uns der Rest der Truppe verwirrt ansah. Ich merkte augenblicklich wie mein Gesicht erglühte. „Entschuldigung, aber ich kann mich im Moment nicht erinnern.“ Auch das noch! „Ich bin die Jugendreporterin von der Paralympics Zeitung. Wir haben telefoniert“, erklärte ich nun zwangsläufig der ganzen Mannschaft. „Der Rudi vergisst keine Frau“, hörte ich dann jemanden rufen, woraufhin alle lachten, mich eingeschlossen. Und er konnte sich tatsächlich noch erinnern.

Ob die Kugelstoßerin Marianne Buggenhagen sich an mich erinnerte, weiß ich nicht, aber auch sie wiederzusehen freute mich wahnsinnig. Vor den Paralympics hatte ich ihre Biografie gelesen und sie beim Training besucht. Die 59-Jährige bestreitet hier in London ihre sechsten Paralympics und hatte sich nicht mehr zu viel ausgerechnet. Im Kugelstoßen schaffte sie es trotzdem in das Finale und holte sich Silber. Als sie dann im Deutschen Haus eine Presskonferenz gab, saß sie wieder vor mir. Diese bescheidene Frau mit ihrer starken Persönlichkeit.

Es sind nicht nur die sportlichen Höchstleistungen, es sind vor allem auch die Menschen, die mich hier beeindrucken. Vier weitere von ihnen durfte ich bereits in Berlin kurz kennenlernen. Bei einem Empfang in der britischen Botschaft wurde neben unserem Zeitungsprojekt der Film „Gold“ vorgestellt. Mit dabei waren auch der australische Rennrollstuhlfahrer Kurt Fearnley, die deutsche querschnittsgelähmte Schwimmerin Kirsten Bruhn und der blinde kenianische Läufer Henry Wanyoike mit seinem Guide Joseph Kibunya , die Protagonisten des Kinofilms.
Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht einmal worum es in dem Film „Gold“ überhaupt geht und trotzdem hatten diese Menschen eine enorme Wirkung auf mich. Die wunderschöne Kirsten Bruhn mit ihren verträumten, strahlend blauen Augen, Henry und Josef mit ihrer faszinierenden Erscheinung und Kurt Fearnley mit seiner unglaublich positiven Ausstrahlung.
Ich hatte Herzklopfen als ich sie in London wiedersah.

Es macht mich so glücklich die Paralympischen Spiele jeden Tag hautnah mitzuerleben. Die Atmosphäre, die Spannung, die Freude, die Verzweiflung, die kämpferischen Leistungen und allem voran die Sportler – all das verkörpert die Botschaft, dass es sich lohnt niemals aufzugeben und das macht mir Mut. Wie oft habe ich einen Rollstuhlfahrer gesehen und gedacht: „Oh nein, wie furchtbar. Hoffentlich passiert dir so etwas nie.“
Alles, was ich denke, seitdem ich mich mit dem Thema Behindertensport beschäftige, ist: „Maxie, wenn dir irgendwann etwas passieren sollte, dann ist das noch lange nicht das Ende.“

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