Paralympics-Tagebuch (9) : Zeichen und Wunder

In puncto Ehrgeiz und Leidenschaft unterscheiden sich die Paralympioniken nicht von den Olympioniken. Und dennoch leisten sie nach Meinung von Schülerreporterin Nora Tschepe-Wiesinger mehr.

Nora Tschepe-Wiesinger
Nora Tschepe-Wiesinger (2. v. vorn) recherchiert in der Londoner U-Bahn.
Nora Tschepe-Wiesinger (2. v. vorn) recherchiert in der Londoner U-Bahn.Foto: Thilo Rückeis

Siebzehn Tage, 408 Stunden und eine Million unvergesslicher Erlebnisse – das war London 2012 wohl für jede und jeden von uns Schülerreportern der Paralympics Zeitung und der Paralympic Post. Ich kann nicht glauben, dass von den 408 Stunden nur noch knapp fünfzig übrig sind und es am Montag wieder für alle von uns nach Hause geht. Nach Hause, das bedeutet für jeden aus unserem 20-köpfigen Team etwas anderes und doch haben wir nun alle etwas gemeinsam: zwei Wochen London, zwei Wochen Gänsehautfeeling bei den Paralympics, zwei Wochen voller einmaliger Erlebnisse und Erfahrungen. 

Ich muss zugeben, dass ich, nachdem feststand, dass ich Teil des Paralympics-Zeitungs-Teams 2012 sein würde, dem Projekt eher aufgeregt als vorfreudig gegenüberstand. Ich hatte wenig Ahnung, was auf mich zukommen würde und war davor nie in Kontakt mit behinderten Sportlern gewesen. Sowieso würde ich mich eher als sportinaktiven und -desinteressierten Menschen beschreiben. Auf die Frage, welche denn meine Lieblingsfußballmannschaft ist, antworte ich grundsätzlich mit der Antwort „Die deutsche Nationalmannschaft“ und meine einzige tägliche sportliche Betätigung liegt in den sieben Minuten Fahrradweg zur Schule. 

Und dennoch habe ich mir während der letzten zwei Wochen täglich Sport der Extraklasse angesehen – und war begeistert. Ich war live im Stadium dabei als Oscar Pistorius einen neuen Weltrekord lief und Kirsten Bruhn sich für Deutschland die Goldmedaille erschwamm. Ich habe in Gesichter von Sportlern geblickt, die nach ihrem Sieg vor Freude und Stolz strahlten.

Schon bei Olympia war ich beeindruckt von der Leistung der Athleten, die das tun, wozu ich niemals in der Lage war und mit hoher Wahrscheinlichkeit auch nie sein werde: Sport treiben mit allem aufzubringenden Ehrgeiz und spürbarer Leidenschaft.

Der Ehrgeiz und die Leidenschaft unterscheiden sich bei den Paralympioniken nicht von der der Olympioniken und dennoch leisten sie meiner Meinung nach mehr. Sie treiben Sport trotz immenser körperlicher Einschränkung – und das mit Erfolg. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass mir ein Schauer über den Rücken lief als Schwimmer ohne Beine und mit nur einem Arm sich vor meinen Augen Medaillen erkämpften. 

Mein Blick auf Menschen mit Behinderung hat sich nach diesen zwei Wochen verändert. Ich bemitleide sie nicht länger, sondern bewundere sie. Das Motto der diesjährigen Paralympics „Inspire a Generation“ verstehe ich nach den Spielen ganz anders als noch vor ihrem Beginn.

Und das aufgrund der sportlichen Bestleistungen, die die Athleten während der letzten zwei Wochen erbracht haben. Anscheinend kann Sport doch mehr verändern, als ich immer gedacht habe und vielleicht sollte ich langsam versuchen, mich mit ihm anzufreunden.

Wenn ich nach den fünfzig mir noch verbleibenden Stunden in London wieder zu Hause in Deutschland bin, komme ich vielleicht endlich mal mit, wenn meine Schwester joggen geht. Wer weiß, vielleicht melde ich mich ja sogar in einem Fitnessstudio an. Denn die Teilnehmer der Paralympics haben es mir bewiesen: Es geschehen noch Zeichen und Wunder.

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