Paralympics Tagebuch : Folge 2: Ein Blick auf Russland

Dieser Tagebuch-Eintrag wurde von einem Mitglied des russischen Teams der Paralympics Zeitung geschrieben, das in Deutschland studiert. Ich wollte gerne die Gelegenheit nutzen und ein paar Worte über Russland und Sotschi verfassen, und zwar aus der Perspektive von jemandem, der die Möglichkeit hat, das Land mit den Augen eines Deutschen zu betrachten.

Vladislav Radjuk
Ein Kind mit der russischen Fahne bei der Eröffnungsfeier der Paralympics.
Ein Kind mit der russischen Fahne bei der Eröffnungsfeier der Paralympics.Foto: Vladislav Radjuk

Als wir aus der Ankunftshalle im Flughafen Domodedovo (Moskau) herauskamen, haben ein Dutzend Menschen in schwarzer Kleidung um uns einen Kreis geschlossen und Taxis angeboten. Als ich (in Sotschi) bei einem Taxifahrer um eine Quittung gebeten habe, hat er mir eine leere gegeben, damit ich sie selber ausfülle. Und ja: nur wenige der russischen Gästen in unseren Seminaren haben gelächelt, was von den Deutschen als leichter Aggressionsakt wahrgenommen wurde.

Unsere Mentalitäten sind zu verschieden, deswegen ist es manchmal schwierig, einander zu verstehen. Die Olympischen und Paralympischen Spiele sind dazu berufen, der Welt ein anderes, neues Russland zu demonstrieren. Eine große und effektive PR-Aktion. Vor dem Anfang der Spiele waren viele Russen sicher: das alles lohnt sich nicht. Jetzt aber ist es klar geworden, dass wir uns geirrt haben.

Selbst die Auswahl der Stadt hat großen Zweifel hervorgerufen. Palmen, Meer, Sonne. Jetzt ist es Anfang März und es sind schon 20 Grad. Aber genau das ist das Charmante hier. Wo sonst kann man Palmen im Schnee sehen, wie zum Beispiel im letzten Jahr. Die Nachricht aus Guatemala – dass Russland zum Gastgeber der Olympics und Paralympics gewählt wurde - haben wir schon vor 7 Jahre bekommen! Statt einem provinziellen Kurort ist eine moderne Stadt mit einem kosmisch aussehenden Olympischen Park entstanden.

Es gab viele umstrittene Sachen: Die deutsche Mannschaft war wegen der Sicherheitsgefahren unruhig. Aber ich war schon von Anfang an davon überzeugt, dass alles perfekt läuft und habe vermutet, dass jeder zweite ein Polizist ist. Es wurde entdeckt, dass die Volunteers in der violetten Kleidung die Rechtshüter sind. Eine von ihnen hat meine Vermutungen bestätigt, dass manche Polizisten auch ganz normale Volunteer-Kleidung tragen können. Trotzdem waren meine deutschen Kollegen unruhig.

Überhaupt kommen den Deutschen viele Sachen in Russland merkwürdig vor. „Es ist sehr merkwürdig, sich in einem Land zu befinden, wo man kein einziges Wort versteht“. Es ist unklar, wieso ein Abgeordneter in einem Auto mit Sirene vorbeifährt und Pylonen kaputt macht. Und ein Getränk aus Brot („kwas“)– das ist schon sehr seltsam.

Aber etwas hat diese Leute dazu gebracht, nach Russland zu kommen, wo sie „kwas“ aus Brot kosten, russisch lernen und die russische Sledgehockeymannschaft anfeuern. Die hat aber doch gegen die Koreaner verloren – sehr schade, aber ehrlich gesagt haben die Asiaten den Sieg verdient. So kann man sagen, dass die große PR-Aktion der russischen Regierung gelungen ist, und das Interesse an Russland geweckt wurde. Interesse ans Land der Kontraste. Ans Land der Palmen im Schnee.

 

 P.S. ein interessantes Detail: während des Eröffnungsfeier hat die größten Applaus die Delegation aus der Ukraine gekriegt, die nur aus einem einzigen Menschen bestanden hat.

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