Paralympics Tagebuch : Folge 7: Überraschung aus der Tonne

Bei den Snowboard-Wettbewerben drehten die holländischen Fans auf. In ihren orangefarbenen Jacken erinnerten sie, wie von Mickie Krause besungen, an die Müllabfuhr. Für Goldmama Bibian Mentel-Spee gab es eine Überraschung.

Nico Feißt
Nachdem Bibian Mentel-Spee das erste Snowboard-Gold holte, setzte sich ihr Sohn in eine von den Fans mitgebrachte Mülltonne, um sie zu überraschen.
Nachdem Bibian Mentel-Spee das erste Snowboard-Gold holte, setzte sich ihr Sohn in eine von den Fans mitgebrachte Mülltonne, um...Foto: Nico Feißt

Ich bin immer noch ganz geflasht von der Snowboard-Premiere. Die Wettbewerbe waren packend, das Wetter optimal und die Zuschauer bombastisch. Der deutsche Starter Stefan Lösler hatte erwartungsgemäß nichts mit dem Sieg zu tun, aber er sorgte für den Moment des Tages: In der letzten Kurve verlor er die Kontrolle, flog ins Fangnetz und landete auf der anderen Seite des Zauns. Weil er aber unbedingt über die Ziellinie fahren wollte, befreite er sich, krabbelte unter dem Netz durch auf die Strecke zurück und wurde bei der Zieleinfahrt frenetisch gefeiert. Jeder Athlet, der gestürzt war, stand wieder auf und fuhr ins Ziel, um diese gigantische Stimmung zu genießen. Vor allem die Holländer drehten auf. In ihren orangefarbenen Jacken erinnerten sie, wie von Mickie Krause besungen, an die Müllabfuhr. Dieses Klischee griffen die bestimmt hundert holländischen Fans, die alle auf eigene Kosten angereist sind, dankend auf. Nachdem Bibian Mentel-Spee überlegen das erste Snowboard-Gold holte, setzte sich ihr Sohn in eine von den Fans mitgebrachte Mülltonne, um sich vor seiner Mama zu verstecken und sie zu überraschen.

Heute ist die Langlaufstaffel und ich bin gespannt, ob die Amerikanerin Tatjana McFadden nach ihrer silbernen im Sprint noch einmal eine Medaille holt. Sie ist das Gesicht der Spiele in Russland. Geboren und aufgewachsen in einem Waisenhaus in St. Petersburg, wurde sie mit sechs Jahren von einer Amerikanerin adoptiert und wurde zu einer der erfolgreichsten Sommer-Paralympionikinnen. Letztes Jahr gewann sie auf dem Handbike alle vier großen Marathons, darunter Boston, bei dem es den Terroranschlag gab. Am Tag darauf startete McFadden in London, sagte: „Bösen Menschen darf man keine Plattform geben.“ Jetzt sind ihre ersten Winterspiele, und weil sie im Vorfeld in den Medien so präsent war, meldete sich ihre leibliche Mutter bei ihr. Bei McFaddens fünftem Platz im ersten Rennen jubelte diese nun gemeinsam mit ihrer Adoptivmutter auf der Tribüne – einer der emotionalsten Momente der Spiele.

Am Abend steht dann das Eishockeyfinale zwischen Gastgeber Russland und den USA auf dem Plan. Schon am letzten Spieltag der Vorrunde spielten beide gegeneinander, Russland gewann mit 2:1. Es war aber weniger ein Spiel, sondern vielmehr eine Schlacht. Nach nahezu jeder Aktion boxten sich die Spieler, jeder Check wurde zu Ende gefahren. Im Halbfinale putzten die Russen Norwegen 4:0, die Amerikaner Kanada 3:0. Mann des Spiels war Declan Farmer, der erst 16 Jahre alt ist. Zwei Tore schoss er selbst, das dritte bereitete er vor. Sein zweites Tor war unglaublich, aus spitzestem Winkel knallte er den Puck direkt von der Unterlatte ins Tor. Wenn er heute Abend wieder eine solche Leistung bringt, hilft den Russen auch der Heimvorteil nichts.

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