Paralympics-Werkstatt : Die Schrauber der Spiele

Bei den Paralympics geht ohne technischen Support gar nichts. Dafür verantwortlich ist in Peking ein deutsches Unternehmen.

Annette Kögel[Peking]
WIRECENTER Foto: Thilo Rückeis
Spaß bei der Arbeit. Bundespräsident Horst Köhler im Service Center des Paralympischen Dorfs.Foto: Thilo Rückeis

Der Knall ist ohrenbetäubend, und einige im Paralympischen Dorf zucken zusammen. Doch es gibt Entwarnung: irgendwo ist nur ein Schlauch im Rollstuhlreifen geplatzt. Jetzt hört man wieder die Flex-Trennschleifer, die Hammer, das Schweißgerät, die Ledernähmaschine. Im Service Center im Paralympischen Dorf in Peking herrscht Hochbetrieb: In der hell leuchtenden Zeltstadt inklusive Empfangsfoyer mit Buffet sowie Büros und Lagerräumen kehren zahlreiche der mehr als 4000 Athleten aus 150 Nationen zum Boxenstopp der anderen Art ein.

"Das ist großartig, dass es diesen Gratisservice für uns gibt", sagt Perla Bustamante, Weitspringerin aus Mexiko, mit einer Prothese. Ihr Bein musste amputiert werden, nachdem die zweifache Mutter beim Schwimmen in eine Schiffsschraube geraten war. Es warten viele Sportler aus Entwicklungsländern auf Hilfe. Hier humpelt ein Schwimmer aus Ghana herein, dort klemmen Rollstuhlbremsen einer Leichtahtletin aus Ghana. "Das Ding hier gehört einem Algerier, das ist total scharfkantig und drückt, ich mache das Zeug ein bisschen weicher", sagt Walter Emil Grubenmacher, der sonst in der Schweiz als Techniker arbeitet.

Bei den Paralympics geht ohne technischen Support gar nichts - schon bevor die Spiele überhaupt begannen, mussten die Techniker schon mehr als 1000 Mal ans Werk. Die Veranstalter der Spiele haben extra ein Unternehmen dafür verpflichtet: Die Otto Bock Health Care aus Duderstadt hat nun chinesische Techniker geschult. Die chinesische Koordinatorin Wang Caixia bekommt während der Paralympics das Handy nicht mehr vom Ohr, so viel ist zu organisieren. Ganze Containerladungen Material wurden eingeführt. Rund 400 Euro koste ein Rollstuhl in China, sagt Wang, das können sich nur Reiche im Land leisten.

Vor allem Sportler aus Entwicklungsländern warten auf Hilfe

Hochbetrieb Foto: Rüdiger Herzog
Anlaufstelle. Weitspringerin Perla Bustamante aus Mexiko in der Zentralwerkstatt der Paralympics.Foto: Rüdiger Herzog

Auch Sportler aus der Mongolei oder Ruanda und kommen mit antiker Ausstattung in die Werkstatt. Ein Läufer aus Madagaskar humpelte zuletzt mit einem Kunstbein herein, eine Oberschenkelprothese aus Leder und Aluminium, mehrfach geschweißt und "gefühlte 40 Jahre alt", erinnert sich ein Techniker. Diesen Sportlern verschafft die Servicestation der Spiele erstmal die Möglichkeit, überhaupt "mit vernünftigen Gerätschaften am Ball zu bleiben", sagt ein Werkstattvertreter. Andere Athleten wie etwa die Sportler aus dem amerikanischen Team kommen mit eigenen Technikern an der Seite mit Tuningwünschen im Highend-Bereich zum Servicedorf. Der unterschenkelamputierte Marlon Shirley etwa ließ sich seine Prothese leichter machen. Sein Mannschaftskamerad Brian Frasure stellt sich gern selbst an die Werkbank. Und Gerome Stapleton, ebenfalls USA, ließ sich vorm Wettkampf mit einem 24-Stunden-Lieferdienst aus den USA schnell noch einen neuen Carbonfuß beschaffen - der alte war gebrochen. Natürlich gebe es durch die unterschiedlichen Voraussetzungen in den einzelnen Ländern unterschiedliche Startchancen für die Sportler, wissen die Techniker aus Erfahrung. Doch das sei angesichts der Lebens- und Trainingsbedingungen im Olympischen Sport bei den Nichtbehinderten nicht anders.

Damit im Servicezentrum auch die Verständigung reibungslos läuft, ist das Technikerteam mit zwei Chefs so international wie die Starterlisten der Spiele. 136 Experten aus 20 Ländern arbeiten im Schichtbetrieb. "Ich habe mir extra drei Wochen Urlaub genommen, um das Event mitzuerleben. sagt Gernot Kretschmer, zweifacher Familienvater aus Berlin. „Die Erfahrungen, die man hier macht, die Charaktere, die man trifft, und die Dankbarkeit der Leute, das vergisst man im Leben nicht", Kollege Walter Emil Grubenmacher aus der Schweiz - vor und nach dem Unfall Motorradfahrer - hat seine eigene Prothese mit Schlangendesign geschmückt und sich die Shorts dazu passend nähen lassen. Der Typ mit dem Zopf hat immer einen passenden Spruch für die Leute im vollen Wartezimmer parat. Thandile Zonke, Rollstuhlbasketballer aus Südafrika, wird von den Spielen mit einer maßgeschneiderten Beinstütz-Orthese nach Hause reisen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar