Paralympics-Zeitung : Einen Traum leben

Mit der Paralympics-Zeitung nach Vancouver 2010: Schüler schreiben – auch für den Tagesspiegel.

Anne Balzer[Forst (Lausitz)],18[Forst (Lausitz)]
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Bundespräsident am Start. Horst Köhler und seine Frau zu Gast bei der Tagesspiegel-Paralympics-Zeitung Peking. Foto: Rückeis

Die Resonanz war überwältigend. Der Tagesspiegel hat Schülern angeboten, als Nachwuchsjournalisten für die Paralympics-Zeitung von den Olympischen Spielen der Menschen mit Behinderung im März 2010 aus Kanada zu berichten. Es kamen hundert Bewerbungen aus ganz Deutschland – aus Husum, Bubenreuth und Auetal, Wiesbaden und Osnabrück, Rielasingen-Worblingen und Kapsweyer. Selbst aus der Schweiz erreichte uns Post. Die Jugendlichen berichteten vom selbstverständlichen Umgang mit Familienangehörigen mit Handicap – oder sie nahmen erstmals Kontakt auf mit Behindertensportklubs. Vieles wurde bewegt, und die Zuschriften haben bewegt.

Zur Jury gehören der Präsident des Deutschen Behindertensportverbandes, Friedhelm Julius Beucher, sowie Gregor Doepke, Kommunikationschef der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung, Förderer des Paralympics-Zeitungsprojektes. Auch Thomas Wurster, Geschäftsführender Redakteur, und Lorenz Maroldt, Chefredakteur des Tagesspiegel, bewerteten die Einsendungen. Acht Jugendliche werden über die Spiele berichten, mit Mitstreitern der Kitsilano Secondary School aus Vancouver. Heute werden die Sieger benachrichtigt. Wir dokumentieren schon einmal zwei herausragende Beiträge.

Warum will ich mitreisen? Sehen, wie ein Weltrekord gebrochen wird, die Anspannung, den Freudentaumel, die Enttäuschung miterleben – das wünsche ich mir! Was fühlt man auf dem Startblock oder an der Startlinie? Ich möchte Menschen treffen, die nicht in eine rosa Wattewelt geboren wurden, die aus Schicksalsschlägen das Beste gemacht haben. Sie möchte ich fragen: „Wie machst Du das? Woher nimmst Du die Kraft?“ Ich würde den Sprinter gern fragen: „Was hast Du gedacht, als du das erste Mal deine Prothese gesehen hast?“

Ich möchte Menschen von überall auf der Welt treffen, die das Unmögliche möglich machen. Wenn ich im Sportunterricht auf einem Bein hüpfen soll, komme ich keine zehn Meter weit. Wie kommt ein Mensch also mit nur einem Bein oder ganz ohne aus? Diese Menschen, interessante, besondere Menschen, würde ich gern kennenlernen, um ihre Geschichten und Leistungen in die Öffentlichkeit zu tragen und zu sagen: „Seht her!“ Das ist einzigartig, das ist wichtig! Ich möchte beobachten, wie Prominente die Paralympics erleben. Und was sind Herrn Köhlers große und kleine Krisen? Was bereitet „Mr. Bundespräsident“ Bauchschmerzen?

Ich selbst wurde mit einer hundertprozentigen Behinderung durch einen Herzfehler geboren und mit acht Monaten operiert. Ich habe aber mit drei Jahren Ski fahren und mit vier Schwimmen gelernt, spiele Volleyball. Der Sport hat mein Selbstbewusstsein gestärkt, ich gewann neue Freunde. Heute lebe ich in einer Kleinstadt im Osten Brandenburgs. Wie aber klingt kanadisches Englisch? Darauf bin ich gespannt! Dabei zu sein, würde mir Herzklopfen bereiten. Im Moment ist Vancouver ein Traum für mich, aber ich versuche meine Träume zu leben! Anne Balzer, 18, Forst (Lausitz)

Montagabend, halb sieben. Immer mehr Rollstuhlfahrer strömen in die alte Turnhalle des Heidelberger Helmholtz-Gymnasium. Die Zweitligamannschaft der SG „Rolling Chocolate“ Heidelberg-Kirchheim hat Training. Ich treffe Christa Weber, Trainerin, mit ihrem Mann Klaus auf dem Parkplatz. Klaus hat vor 25 Jahren beide Beine bei einem Motorradunfall verloren. Nur mit seinen Armen hievt er sich aus dem Auto, holt seine Trainingstasche aus dem Kofferraum und zurrt sich im Rollstuhl fest, ohne auch nur ansatzweise angestrengt zu wirken. Die Trainerin ist froh darüber, dass endlich einmal „kein Redakteur vom Sozialteil der Zeitung“ sie interviewt. Oft würden ihre Spieler zu unrecht bemitleidet. Doch Kirchheim spielt in der zweiten Bundesliga, wurde 2003 Deutscher Meister. Von Behinderung im Wortsinn ist bei der intensiven Trainingseinheit keine Spur.

Das Basketballspielen im Rollstuhl wurde in den USA von Veteranen des Zweiten Weltkriegs erfunden. Seit 1960 ist der Sport bei den Paralympics vertreten, ist weltweit der am meisten verbreitete Mannschaftssport für Menschen mit Behinderung. Doch auch Nichtbehinderte können mitmachen. Um sportlichen Ungerechtigkeiten entgegen zu wirken, gibt es ein Klassifizierungssystem. Die Regeln weichen nur gering vom „Fußgängerbasketball“ ab – nur Schrittfehler gibt es nicht. Mir wird dann empfohlen, künftig berädert auf Korbjagd zu gehen. Früher habe ich in der Landesauswahl Basketball gespielt, es aber nie in die Nationalmannschaft geschafft. Bei mir, meinen die Kirchheimer, würde es sogar mit der Minimalbehinderung reichen, denn auch mein Knie ist nach Jahren großer Belastung stark angeschlagen. „Und wenn das nicht reicht“, sagt ein Spieler lachend, „dann holen wir mal wieder die Eisenstange raus.“ Tassilo Hummel, 17, Neckargemünd

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