• Paralympische Leichtathletik-Bewegung: Karl-Heinz Düe beendet Trainerkarriere mit großen Erfolgen

Paralympische Leichtathletik-Bewegung : Karl-Heinz Düe beendet Trainerkarriere mit großen Erfolgen

Kaum jemand hat in Deutschland so viel für die Paralympische Leichtathletik-Bewegung getan wie Karl-Heinz Düe. Jetzt hört der Trainer auf - sein Rat wird aber weiter gefragt sein.

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Behindertensportler Felix Streng und Trainer Karl-Heinz Düe.
Behindertensportler Felix Streng und Trainer Karl-Heinz Düe.Foto: Foto: BEAUTIFUL SPORTS/Axel Kohr

Es waren bewegende Momente, emotionale Worte: Heinrich Popow sagte nach seinem Sprung auf 6,70 Meter im ersten Versuch und seinem damit verbundenen Paralympics-Sieg im Weitsprung, er habe Freudentränen bei seinem Trainer Karl-Heinz Düe auf der Tribüne gesehen, das habe ihn zusätzlich motiviert. David Behre hob nach dem Sieg mit der 4x100-Meter-Staffel die Bedeutung des 67-Jährigen hervor, Düe habe gewusst, dass die Deutschen Gold gewinnen könnten, wenn die Wechsel klappen, daher habe er daran wöchentlich mit ihnen gefeilt. Und Felix Streng, der jüngste Athlet der Trainingsgruppe, drehte sich nach der Siegerehrung nach seiner ersten Paralympics-Medaille, der bronzenen über 100 Meter, auf dem Weg in die Katakomben noch mal um, winkte seinem Trainer im Publikum zu und rief laut: „Danke, Kalle!“

Es waren die erfolgreichsten Spiele für Düe, der schon mit 23 Jahren nach Leverkusen gekommen war, zumindest, wenn man die Medaillen zählt.


·      David Behre: Gold, Silber, Bronze

·      Felix Streng: Gold, Bronze, Bronze

·      Heinrich Popow: Gold

·      Irmgard Bensusan, Silber, Silber, Silber


Nimmt man die Staffelmedaille einfach, haben Dües Athleten zwei Gold-, vier Silber- und drei Bronzemedaillen gewonnen. Doch was für den Trainer noch wichtiger ist – und das ist auch der größte Qualitätsnachweis in der Leichtathletik – ist die Tatsache, dass alle seiner Athleten an ihre jeweiligen Bestleistungen herankamen oder sie sogar überbieten konnten. David Behre lief in sieben Rennen vier Mal Europarekord, Irmgard Bensusan über 400 Meter erstmals unter einer Minute – und Streng trotz Wadenproblemen und Grippe zu insgesamt drei Medaillen. „Und dass Heinrich sieben Zentimeter zu seinem eigenen Weltrekord gefehlt haben, konnte ich angesichts der Goldmedaille verschmerzen“, sagt Düe und schmunzelt ins Telefon, während er im italienischen Piombino darauf wartet, dass seine Fähre nach Sardinien übersetzt.

Mit Jörg Frischmann hatte alles angefangen, dass Düe auch im Behindertenbereich Leichtathletik-Trainer wurde, nachdem er 1972 wegen seines Studiums an der Deutschen Sporthochschule Köln als Mittelstreckler und Mehrkämpfer zu Bayer gekommen war und dort unter Gerd Osenberg trainierte. 1974 wurde er Übungsleiter und Assistent von Osenberg, 1977 hauptamtlicher Trainer. In seiner Gruppe waren Frauen, Männer, Mittelstreckler, Werfer, Mehrkämpfer. Anfang der 90er-Jahre stockte er sein männliches Jugendteam von sieben auf 55 Athleten auf.

1992 stand dann plötzlich Frischmann in der Halle und wollte mit Düe zusammenarbeiten. „Jörg hat das initiiert, er war mein erster Athlet. Anfangs waren da Berührungsängste, da kommt einer ohne Finger und ohne Füße und sagt mir, er will bei mir trainieren. Dann bin ich nach Hause und da hat meine Frau gesagt: Das ist doch überhaupt kein Problem, die wollen behandelt werden wie alle anderen auch und so habe ich das dann gemacht.“

Als Heinrich Popow und David Behre später ebenfalls unter Düe trainierten, der zu jener Zeit für die Siebenkämpferinnen verantwortlich war, sei das „am Anfang nicht ganz einfach gewesen. Wenn da Beine von den Jungs rumstanden, war das nicht ohne und für die Frauen schon etwas komisch. Aber als sie nach kurzer Zeit dann merkten, dass die genauso Blödsinn machen, war das gar kein Thema mehr. Dass Nichtbehinderte und Behinderte zusammen trainieren, haben wir hier als Erste gemacht, das war nicht nur in Deutschland bahnbrechend, das ist sozusagen mein Baby.“

"Kalle" will jetzt mehr Zeit mit seiner Familie verbringen

Mittlerweile ist es international die gängige Praxis, nach Dües Beispiel in inklusiven Gruppen zu trainieren. Doch wenn es um die Leistungen geht, möchte er nicht, dass olympische und paralympische Athleten verglichen werden, alleine schon unter dem Gesichtspunkt der Konkurrenz – „ohne die Leistungen schmälern zu wollen.“

Angesprochen auf seinen größten Erfolg als Trainer legt Düe sich nicht fest, sagt dann aber: „Ich will nicht sagen, dass der Abschluss mit den Paralympics jetzt der Höhepunkt war. Als Jenny Oeser 2009 in Berlin bei der Weltmeisterschaft Silber im Siebenkampf gewonnen hat, war das auch schön. 2010 bei der Europameisterschaft kam dann noch Bronze mit Bestleistung in Barcelona dazu, das war auch super. Aber das ist schwer zu sagen, Heinrich Popows Gold 2012 in London oder die Erlebnisse von Rio jetzt waren ebenso besonders, das sind alles Momente, in denen man den Lohn seiner Arbeit sieht.“

Die von Düe trainierte Oeser, die damals im 800-Meter-Lauf zum Ende des Wettkampfs gestürzt war und sich trotzdem zu Rang zwei gekämpft hatte, sorgte zwei Jahre später für eine weitere Medaille Dües bei den Nichtbehinderten, als sie bei der WM in Daegu Bronze gewann. Düe sagt: „Im Leistungssport ist es wichtig, Medaillen zu zählen, klar. Aber wenn ich einen Sprinter habe, der 12,0 Sekunden rennt und dann bei den Landesmeisterschaften eine 11,8 schafft, dann freue ich mich auch wenn er es damit nicht zu großen Wettkämpfen schafft. Für mich ist wichtig, dass Athleten sehen, dass man mit konsequentem Training Erfolg haben kann.“

Jetzt, sagt „Kalle“, will er Urlaube machen und mehr Zeit mit seiner Familie verbringen: „Wenn ich so oft weg bin wie dieses Jahr, kriege ich auch von meiner Partnerin Druck, das kann ich verstehen." Doch ganz verabschieden wird er sich nicht: Einen neuen Trainer für seine Gruppe, zu der sich ab dem kommenden Jahr voraussichtlich auch Weitspringer Leon Schäfer gesellen wird, gibt es noch nicht.

„Es ist unfassbar schwierig, einen Nachfolger zu finden mit seinen Kenntnissen und dem Engagement, das er an den Tag legt“, sagt Jörg Frischmann, der heute Geschäftsführer Behindertensport bei Bayer Leverkusen: „Ich bin einfach nur froh, mehr als 20 Jahre selbst unter ihm trainiert haben zu dürfen.“

Und nachdem Düe seine Rente schon um zwei Jahre hinausgezögert hatte, wird er auch künftig immer wieder in Leverkusen am Gelände auftauchen, wie er sagt: „Wenn es dann einen Nachfolger gibt, werde ich ihm am Anfang helfen und mit Rat und Tat zur Seite stehen – nur eben nicht zwei Mal täglich oder jeden Tag.“

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