• Paralympische Spiele in Sotschi - Angela Merkel im Interview: "In fast allen Lebensbereichen noch Handlunsgbedarf"

Paralympische Spiele in Sotschi - Angela Merkel im Interview : "In fast allen Lebensbereichen noch Handlunsgbedarf"

Bundeskanzlerin Angela Merkel spricht im Interview mit der Paralympics Zeitung über ihr Verhältnis zum Wintersport, über die Pläne der Koalition zum Thema Inklusion und über den Wert von Sport für die Gesellschaft.

Bundeskanzlerin Angela Merkel treibt selbst begeistert Wintersport.
Bundeskanzlerin Angela Merkel treibt selbst begeistert Wintersport.Foto: Photothek via Getty Images

Sie sind bekanntermaßen ein Fußballfan und feuern die Nationalmannschaft bei internationalen Turnieren an. Haben Sie auch eine Lieblingswintersportart und können Sie sich vorstellen, die Paralympischen Spiele zu besuchen?

Ich betreibe seit Jahren begeistert Wintersport – wenn auch in diesem Winter mit etwas Pech. Beim Wandern im Schnee und beim Skilanglauf kann ich richtig abschalten und Kraft tanken. Ich genieße die winterlich-stille Natur und tue gleichzeitig etwas für meine Kondition.

Meine Lieblingswintersportart? Mir fällt es schwer, eine Disziplin hervorzuheben. Generell fasziniert mich der Gedanke, dass Athleten an die eigenen Grenzen gehen und mit Disziplin und Willenskraft Höchstleistungen erbringen.

Auf jeden Fall werde ich, soweit meine Zeit es erlaubt, die Berichte von den Paralympischen Spielen verfolgen und ganz besonders unseren deutschen Sportlerinnen und Sportlern die Daumen drücken. Und ich freue mich, dass jetzt eine sehr erfolgreiche Paralympics-Teilnehmerin, Verena Bentele, Behindertenbeauftragte der Bundesregierung ist.

Kann ein Sportereignis wie die Paralympics Ihrer Einschätzung nach einen positiven Einfluss auf die russische Gesellschaft haben?

Die Paralympics zeigen einem Millionenpublikum, dass Sportlerinnen und Sportler mit Behinderungen zu außergewöhnlichen Leistungen in der Lage sind. So tragen sie dazu bei, die Einstellung Nichtbehinderter gegenüber Menschen mit Behinderungen zum Positiven zu verändern.

Die Paralympics in London wurden genauso beworben und gefeiert wie die Olympischen Spiele zuvor. In Russland finden die Anliegen von Menschen mit Behinderung eher weniger Gehör. Inwieweit können die Paralympics in Sotschi auch die Situation von Menschen mit Behinderung in Russland verbessern?

Noch einmal: Ich bin überzeugt, dass die Paralympics eine positive Wirkung haben, und zwar in allen teilnehmenden Nationen – und erst recht im Gastland. Gesetze und Förderprogramme, die Menschen mit Behinderung unterstützen, sind zwar wichtig. Aber wenn es an der richtigen Einstellung fehlt, werden Menschen mit Behinderung trotzdem noch oft ausgegrenzt. Das Zusammenleben von Menschen mit und ohne Behinderung soll selbstverständlich und gleichberechtigt sein. Ziel ist es, den Gedanken der Inklusion zu verinnerlichen und im Alltag danach zu handeln. Da leisten die Paralympics wichtige Überzeugungsarbeit.

Am Internationalen Tag der Menschen mit Behinderung im vergangenen Jahr haben Sie in Ihrem Video-Podcast gesagt, dass Menschen mit Behinderung nicht von der Gesellschaft behindert werden sollen. Wo sehen Sie Fortschritte und wo müssen noch Barrieren abgebaut werden?

Vor fünf Jahren hat Deutschland die UN-Behindertenrechtskonvention ratifiziert. Vor zwei Jahren haben wir den Nationalen Aktionsplan beschlossen. Seitdem diskutieren wir nicht mehr darüber, ab wann Menschen mit Behinderung zur Gesellschaft gehören. Alle gehören von Anfang an dazu. Dazu hat sich Deutschland verpflichtet. Schon das ist ein gewaltiger Fortschritt. Jetzt geht es darum, wie wir das im Alltag umsetzen. Dabei haben wir in den letzten Jahren einiges erreicht. Nach wie vor besteht aber in fast allen Lebensbereichen noch Handlungsbedarf. Ganz vorne steht dabei die Teilhabe am Arbeitsleben.

Wie will die Bundesregierung in dieser Legislaturperiode Menschen mit Behinderungen und den Behindertensport fördern?

Wir haben im Koalitionsvertrag vereinbart, dass wir die Beschäftigung von Menschen mit Behinderung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt nachhaltig verbessern wollen. Außerdem brauchen wir ein modernes Teilhaberecht. Wir werden deshalb die Eingliederungshilfe für Menschen mit Behinderungen weiterentwickeln und ein Bundesleistungsgesetz schaffen.

Auch beim Behindertensport steht im Vordergrund, den Inklusionsgedanken zu stärken. Daher werden wir noch intensiver Sportveranstaltungen unterstützen, an denen Athletinnen und Athleten mit und ohne Behinderung teilnehmen. In einigen Sportarten gibt es bereits solche Beispiele für gelungene Inklusion. Wir setzen uns dafür ein, dass weitere dazukommen.

Wo sehen Sie die paralympische Bewegung in zehn Jahren?

Die paralympische Bewegung hat sich in den letzten zehn Jahren enorm entwickelt. Die Paralympischen Spiele in London 2012 hatten weltweit eine großartige Resonanz. Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus 164 Nationen waren am Start und haben die Besucher in den Stadien und die Menschen an den Bildschirmen begeistert.

Ich hoffe also, dass der paralympische Sport in den nächsten Jahren noch mehr dazu beitragen kann, auf die Lebenssituation und die Leistungsfähigkeit der Menschen mit Behinderung aufmerksam zu machen und sie stärker in die Gesellschaft einzubeziehen. Das ist ja auch das Anliegen der UN-Behindertenrechtskonvention. Hier treffen sich also die Ziele von Sport und Politik.

Werden Sie nach Ihrem Unfall beim Langlauf weiterhin Wintersport betreiben? Wie bewerten Sie die Rolle von Sport bei einer erfolgreichen Rehabilitation?

Jetzt muss erst einmal die Verletzung heilen, so dass ich mich wieder ungehindert bewegen kann. Ich mache aber gute Fortschritte. Was Ihre grundsätzliche Frage angeht: Ja, ganz sicher können ausreichende Bewegung und sportliche Betätigung zu einer guten Rehabilitation beitragen. Aber Sport kann noch viel mehr: Er ist eine ideale Freizeitbeschäftigung, weil er die Gesundheit fördert, Charakter bildet und uns Gemeinschaft erleben lässt. Alles, was wir Sportsgeist nennen – Engagement, Verlässlichkeit, Teamgeist, Fairplay und Toleranz –, ist für unser Zusammenleben sehr wichtig.

Was wünschen Sie der deutschen Mannschaft für die Paralympics in Sotschi?

Ich wünsche den deutschen Athletinnen und Athleten, dass sie die Höchstleistungen erbringen können, die sie sich erhoffen, und gute Nerven behalten. Außerdem wünsche ich ihnen, aber auch allen anderen Sportinteressierten, spannende und faire Wettbewerbe, eine fröhliche Atmosphäre und ein begeistertes Publikum.

Die Fragen stellten die jungen Reporterinnen und Reporter der Paralympics Zeitung.

Alle Infos zu den Paralympischen Spielen finden Sie auch auf unserer Themenseite

Jungjournalisten auf dem Weg nach Sotschi
Jetzt geht's los! Das Sotschi-Team 2014 der Paralympics-Zeitung (PZ) mit Jungjournalisten aus Deutschland und Russland freut sich hier im Verlagshaus des Tagesspiegels auf den ersten Medienworkshop. Mit dabei: Gregor Doepke (l.) vom Förderer und Initiator, der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung, Thomas Rugo, PZ-Gründungsvater der Agentur Panta Rhei (2.v.l.), Tagesspiegelverlags-Projektchef Thomas Wurster (5.v.l.), Tagesspiegel-Chefredakteur Lorenz Maroldt (hinten, mit rotem Schlips), Friedhelm Julius Beucher, Präsident des Deutschen Behindertensportverbandes (Mitte) und der Geschäftsführende Redakteur Moritz Döbler (hinten mit Brille). Mit dabei auch Tagesspiegel-PZ-Gründerin Annette Kögel (3.v.r.), hinter ihr links Carsten Kloth von der Tagesspiegel-PZ-Produktion, dahinter rechts Tagesspiegel-Sotschi- und PZ-Reporter Nik Afanasjew - er spricht Russisch. Ganz rechts freut sich Julia Ilinykh von der Partneragentur Panta Rhei, sie ist auch Dolmetscherin im Team - und die PZ-Produktionschefin Clara Kaminsky von der Agentur Panta Rhei (3.v.l.) ist auch schon im Paralympics-Fieber. Und schon ganz schick: die Reporter in Indoor-Arbeitskleidung.Alle Bilder anzeigen
1 von 9Foto: Thilo Rückeis
02.02.2014 20:56Jetzt geht's los! Das Sotschi-Team 2014 der Paralympics-Zeitung (PZ) mit Jungjournalisten aus Deutschland und Russland freut sich...

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