Paralympische Spiele in Sotschi : Wie ukrainische Sportler mit der Krim-Krise umgehen

Auf der Krim marschieren Truppen auf. In Sotschi siegen die paralympischen Athleten der Ukraine - und zittern. Bei den Paralympics in Russland kämpft das Team Ukraine auch für Frieden auf der Krim.

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Hand drauf. So nehmen die Ukrainer ihre Medaillen entgegen – verliehen von einem Land, das die nahe Heimat bedroht.
Hand drauf. So nehmen die Ukrainer ihre Medaillen entgegen – verliehen von einem Land, das die nahe Heimat bedroht.Foto: dpa

Es gibt bei einer Siegerehrung nichts Schöneres für einen Sportler, als stolz die Medaille zu zeigen. Witali Kazakow, Boris Babar und die 28 anderen Athleten der paralympischen Nationalmannschaft der Ukraine decken sie jedoch immer mit den Händen ab, wenn die gelbblaue Flagge hochgezogen wird. Die Hymne singen sie alle mit, während die russischen Soldaten stramm salutieren. Dazu gibt es leidenschaftlichen Applaus, und zwar auch von den Russen, deren Staatspräsident Truppen auf die nur 450 Kilometer westlich entfernte Halbinsel Krim geschickt hat. Absurde Szenen bei den Paralympics in Sotschi.

Medaillen werden als politisches Zeichen abgedeckt

„Wir decken die Medaillen als politisches Zeichen ab, weil sie uns von einem Gastgeber verliehen werden, der in unser Land eingedrungen ist und uns bedroht“, sagt Valerij Schuskewitsch, der Präsident des Nationalen Paralympischen Komitees (NPC) der Ukraine. Am Tag vor dem mit Hochspannung erwarteten Referendum trägt er im nordischen Skizentrum Laura – in dem Russinnen im Minirock im Schnee stolz ihre Sportstätten fotografieren und Männer laut „Davai, Russia“ rufen – eine modische Sonnenbrille. „Victory in life“ steht an seiner Teamjacke. „Peace for Ukraine, for Europe and the whole World“ könnte das Team dazu sticken. Diese Parole gibt das insgesamt 58 Mitglieder starke Team aus, wann immer es Gelegenheit dazu hat. Alle haben Angst vor Krieg. „Unser Jüngster ist 16 Jahre alt“, sagt Schuskewitsch, „viele Athleten sind jung, und dann strömen diese Emotionen auf sie ein.“ Allein mit dem riesigen Medieninteresse bei Paralympics umzugehen – eine Herausforderung. Und nun die Facebooknachfragen der Freunde, die Anrufe der Eltern: Geht es euch gut? Und umgekehrt: Wird schon geschossen?

Ukraine im Medaillenspiegel auf Platz drei

„Unsere Leute werden zwar von allen Menschen herzlich gefeiert, an den Wettkampfstätten, auf der Straße, aber wir fühlen uns nicht gut. Wir haben wegen der politischen Lage viele Medaillen hier nicht geholt“, sagt Schuskewitsch in seinen blaugelben Schuhen im Rollstuhl. Nur 21 Bronze-, Silber- und Goldmedaillen hat das Team bis Sonnabend errungen. Es liegt so zwar nach der gesamten Anzahl der gewonnenen Medaillen hinter dem unbesiegbaren Russland auf Platz zwei und nach Goldmedaillen hinter Russland und Deutschland auf Rang drei. „Doch nach den Weltcup-Ergebnissen der letzten Saison hätten es viel, viel mehr sein müssen“, sagt der NPC-Präsident.

Das Team Ukraine selbst ist ein Symbol der Verständigung. Eine Übersetzerin des Teams wurde auf der Krim geboren, die Chefin de Mission ist Russin. Gerade rollt einer der russischen Botschafter der Paralympics, der erfolgreiche Biathlet Sergej Schilow vorbei. Er boxt Schuskewitsch freundschaftlich in die Seite, beide lachen. Wenig darauf lässt sich Wladimir Putin persönlich in der Menge feiern, winkt zwischen den farbenfroh gekleideten Volunteers. Er verspricht Inklusion für sein Land. Derweil hat der deutsche NPC-Präsident Friedhelm Julius Beucher ein Dinner mit Putin boykottiert und das Team Ukraine für Samstagabend ins Deutsche Haus eingeladen.

„Dass wir so viel für Menschen mit Behinderungen tun, haben wir Schuskewitsch zu verdanken“, sagt Fotograf Valentine Karminsky. Dieser habe sich als Oppositionspolitiker um staatliche Fördergelder bemüht und Sponsoren aus der Wirtschaft gewonnen. Der NPC-Präsident war Paralympics-Schwimmer. Auf der Krim hat er ein Schwimmer-Leistungszentrum gegründet, das viele Sportler zu den Paralympics Rio 2016 schicken will. Eigentlich.

"Dazu beigetragen, dass es bislang keinen Krieg gibt"

Schuskewitsch ist ein passionierter Redner. Die Weltpresse hörte gespannt zu, als er in der völlig überfüllten Pressehalle am Tag der Eröffnungsfeier mit erhobenen Händen verkündete, sein Land werde die Paralympics nicht boykottieren. „Ich denke, dass mein Gespräch mit Putin am Tag zuvor und auch mein Appell, den olympischen und paralympischen Frieden einzuhalten, mit dazu beigetragen haben, dass es bislang keinen Krieg gibt“, sagt er dem Tagesspiegel.

„Ich kämpfe mit diesen Paralympischen Spielen für Frieden, für das Menschenrecht auf Unversehrtheit, auch nach dem nicht rechtskonformenen Referendum am 16. März“, sagt der NPC-Präsident. 1998 war die Ukraine erstmals bei Paralympics dabei, „früher hatten wir viele Kriegsveteranen aus Afghanistan im Team. Ich hoffe dringlich, dass es bei kommenden Spielen keine Kriegsinvaliden von der Krim sein werden.“ Einer der Teilnehmer der Deaflympics, der Weltspiele der Gehörlosen, starb während der Kämpfe auf dem Maidan. „Unsere Soldaten auf der Krim haben uns gesagt, dass sie stolz die Paralympics verfolgen und jede Medaille feiern.“ Die Sportler haben Rückflugtickets für den 18. März und sollen in Kiew groß empfangen werden. Dann kehrt jeder aus dem Rausch der Emotionen zurück – und landet in einer ungewissen Zukunft.

Bei der Abschlussfeier am heutigen Sonntagabend will das Team Ukraine, das nach der Heimmannschaft in Sotschi immer den zweitlautesten Applaus der Russen bekommt, mit einer symbolischen Geste einlaufen. Bei der Eröffnungsfeier war Michail Tkatschenko allein in seinem Rollstuhl und der Flagge eingefahren. Welche Geste es sein wird, wie sich das Land mit der Halbinsel Krim von Russland und der Welt verabschiedet, wird heute verkündet, nach russischer Ortszeit 15 Uhr. Die Uhr tickt.

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