Paralympischer Radsport : Michael Teuber siegt trotz Missgeschick

Michael Teuber holt Gold und Silber bei der Rad-WM – obwohl ein Unfall den paralympischen Radler zurückwarf.

Nico Feißt
Immer weiter. Bänderriss und Beinbruch stoppten Teuber nicht. Foto: Imago/Eibner
Immer weiter. Bänderriss und Beinbruch stoppten Teuber nicht.Foto: Imago/Eibner

Etwa 13 000 Kilometer hat der viermalige Paralympics-Sieger Michael Teuber in diesem Jahr schon auf dem Rad zurückgelegt. Ein solch hohes Pensum hat kaum jemand für möglich gehalten – zumal sich der 47-Jährige im September vergangenen Jahres bei einem Mountainbikeunfall einen Trümmerbruch im Oberschenkel zugezogen hatte. Dieser war derart kompliziert, dass Teuber sechs Wochen lang im Krankenhaus lag und nicht aufstehen durfte. „Plötzlich habe ich meine Behinderung richtig gespürt“, sagt Teuber, der seit einem Autounfall vor 28 Jahren knieabwärts gelähmt ist. Die Muskelmasse, die er braucht, um seine Behinderung kompensieren zu können, war nach dem Beinbruch weg: „Da musste ich erst wieder drei Monate lang auf dem Hometrainer Muskeln aufbauen, bevor ich mich wieder auf das Rad setzen konnte.“

Rund 14 Wochen nach dem Unfall folgte die erste Biketour, beim ersten Weltcup der Saison exakt neun Monate nach dem Unfall siegte er dann auf Anhieb. Bei der Weltmeisterschaft im Schweizerischen Nottwill ging er am Donnerstag im Zeitfahren als Titelverteidiger an den Start. Und er konnte erneut triumphieren, mit mehr als einer Minute Vorsprung. So hat er nun auch beste Chancen, sich für die Paralympics 2016 in Rio zu qualifizieren. Schließlich ist die WM das wichtigste Qualifikationskriterium für den Höhepunkt im kommenden Jahr. Für Teuber, der am Samstag im Straßenrennen auch noch Silber holte, war die Rechnung einfach: „Eine Goldmedaille hier, und ich wäre wohl in Rio dabei.“

Nach seiner Verletzung verbrachte Teuber nahezu das ganze Jahr in Trainingslagern, zuletzt in der Höhe in St. Moritz. Doch viel Luxus gab es für die Para-Radsportler nicht, schließlich waren sie für zwei Wochen in einer Jugendherberge untergebracht: „Komfortmäßig war das vielleicht ungewohnt. Wir waren zu dritt im Zimmer. Mit Handicap ist es auch ungünstig, wenn die Duschen auf dem Gang liegen. Da muss man dann Hilfsmittel wie Schienen und Prothesen eben mitnehmen. Aber die Atmosphäre war ganz witzig“, sagt Teuber über die für Leistungssportler ungewohnte Unterkunft: „Am Anfang schaut man vielleicht doof, aber wenn man den Dreh raushat, ist es gut. Mir hat es gefallen.“

Nach einer Verletzung verbrachte Teuber fast das ganze Jahr in Trainingslagern

Mit der Teilnahme am Engadiner Radmarathon krönte Teuber sein Höhentrainingslager und wollte den Schwung mitnehmen, um seine Form beim letzten Weltcup vor der WM, dem Heimrennen im badischen Elzach, zu überprüfen. Am Tag vor der Abreise passierte dann das Missgeschick: Am Rad stehend telefonierte Teuber, verlor dabei den Halt, knickte um und fiel zu Boden. Die Diagnose: Bänderriss im linken Sprunggelenk – und das nur eine Woche vor der WM. „Das war ein Schock. Für mich ist das vielleicht nicht ganz so schlimm, weil der Knöchel für mich wegen der Behinderung funktional unbedeutend ist. Bei einem normalen Bänderriss muss man den Knöchel stilllegen, und die Schiene dazu habe ich ja sowieso schon. Aber was das Verletzungspech angeht, bin ich bei 100 Prozent. Und Schmerzen verursacht das Ganze logischerweise auch.“

Sein Programm in Elzach zog Teuber trotzdem durch, wurde jeweils Zweiter im Zeitfahren und im Straßenrennen und übernahm die Führung im Gesamtweltcup der Startklasse C1. Den geschwollenen Knöchel musste er aber in seine stabilisierende Schiene „stopfen“, wie er sagt, damit sie überhaupt passte: „Für die Schwellung war das nicht förderlich.“ Danach musste er schauen, dass er irgendwie bis zur WM fit wurde. Und so nahm er es wie immer: „Irgendwie kompensieren und weiterkämpfen. Schließlich war ich in einer Superform und habe quasi auf Profiniveau trainiert.“

Was ihn nach 18 WM-Titeln und vier goldenen Paralympics-Medaillen noch antreibt, selbst im Falle von schlimmen Verletzungen, ist „die Freude am Sport. Es geht mir nicht darum, dass die Leute mir zujubeln. Sondern eher darum, für mich die beste Leistung abzurufen, ich will mich mit meinen Konkurrenten messen“.

Allen voran mit dem Dauerrivalen aus Spanien, Juanjo Mendez, der das Zeitfahren in Elzach gewann. Aber auch die beiden anderen Deutschen werden in der Schweiz weiter um die Medaillen mitfahren, Teubers bayrischer Trainingskollege Erich Winkler und der Berliner Sprintspezialist Pierre Senska, der beim Straßenrennen im Badischen siegte. „Bei Pierre und mir ist das wie mit André Greipel und Tony Martin: Ist er beim Sprint noch dabei, gewinnt er. Aber ich habe ja schon im Zeitfahren gegen ihn gewonnen.“

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