Paralympischer Sport : Die Weltspitze schwimmt in Berlin

Vom Aufwand her sind viele paralympische Schwimmer längst Profis – am Donnerstag haben in Berlin die Internationalen Deutschen Meisterschaften begonnen.

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Gut am Start. Torben Schmidtke.
Gut am Start. Torben Schmidtke.Foto: imago/Camera 4

Natürlich schwimmen die Gedanken an das ganz große Ziel immer mit. Auch bei so einem illustren Wettkampf, wie es die Internationalen Deutschen Meisterschaften für Menschen mit Behinderung inzwischen geworden sind. Emely Telle, Brustschwimmerin mit Sehbehinderung, sagt: „An die Paralympics denke ich jeden Tag. Olympia ist ja für einen Sportler das Größte.“ Für die 18 Jahre alte Schülerin vom Schwimmteam Berlin ist die am Donnerstag um 9 Uhr beginnende viertägige Veranstaltung in der Schwimmhalle an der Landsberger Allee ein Wettkampf auf dem Weg zum nächsten großen paralympischen Etappenziel – der Weltmeisterschaft in Glasgow im Juli.

Berlin ist aber nicht nur ein Ort zum Aufwärmen. Bereits zum 16. Mal seit 2000 findet der unter dem etwas sperrigen Kürzel „IDM“ firmierende Wettbewerb statt. Die Zahl der Teilnehmer ist kontinuierlich gewachsen, diesmal sind es 569 Schwimmer aus 41 Nationen, die in Berlin ins Becken springen. Matthias Ulm, Schwimmtrainer und vor allem in den jüngsten Wochen Organisationsleiter der Tage von Berlin, sagt: „Die Veranstaltung wird zunehmend internationaler. Sie ist auf einer Stufe mit einer WM.“ Die Ergebnisse würden dies belegen. „Pro Jahr gibt es hier in Berlin 25 bis 30 Weltrekorde.“

Rekorde sind Werte, die im Sport die Prominenz eines Wettbewerbs unterstreichen. Wenn es sie allerdings inflationär zu geben scheint, dann ist naturgemäß die Frage nach ihrem Wert erlaubt. Da liegt vielleicht auch ein Dilemma der Sportarten von Menschen mit Handicap: Es gibt aufgrund unterschiedlicher Behinderungen viele verschiedene Startklassen, was es für unerfahrene Zuschauer eher unübersichtlich macht. Zudem sind die Sprünge bei der Leistungsentwicklung erheblicher als bei den Sportlern ohne Behinderung. Vor allem wohl, weil paralympischer Sport noch nicht die Geschichte und auch Breite hat wie anderer Sport. Ungut für das deutsche Schwimmen speziell ist, dass Kirsten Bruhn mit 44 Jahren ihre Karriere beendet hat. Sie war hierzulande eines der bekanntesten Gesichter des paralympischen Sportes.

Der Trainingsaufwand der Athleten wird immer größer

Dabei ist der Aufwand für die Leistungen – vor allem in einer Disziplin wie dem Schwimmen – erheblich. Wenn der Potsdamer Torben Schmidtke, Silbermedaillengewinner bei den Paralympics 2012, von seinem Trainingspensum erzählt, dürfte jedem Nichtsportler schwindelig werden. Fünf Tage die Woche steigt der EDV-Anwendungsbetreuer morgens und nachmittags ins Becken. Und danach geht es in den Kraftraum. Dort stehen dann „zehn mal 30 Liegestütze“ auf dem Programm. Da werde gerackert, sagt der 26 Jahre alte Schwimmer mit einer Dysmelie der Beine und des linken Armes, bis die Hände richtig wund seien.

Es lohne sich, findet der Mann vom SC Potsdam. Einen kleinen Fanklub habe er schon hinter sich und zudem ist ja das Interesse an einem Event wie den IDM auch schon recht stattlich. Im Vorjahr kamen zu den vier Tagen 2700 Zuschauer in die Arena an der Landsberger Allee. Was vor 16 Jahren als „familiäre Veranstaltung“ begann, wachse nun stetig, sagt Matthias Ulm. „2000 Zuschauer am Tag wären noch besser.“ Wer weiß – diesmal ist auch das Rahmenprogramm recht prominent besetzt. Das könnte helfen. Javier Torres Ramis, erprobter Fernsehmoderator und bester spanischer paralympischer Schwimmer aller Zeiten, moderiert die Veranstaltung – auf Englisch.

Und sportlich ist Berlin tatsächlich auch etwas Besonderes. Es gibt nur einen Sieger pro Strecke und nicht pro Schadensklasse. „Es ist also schwerer, in Berlin eine Medaille zu gewinnen als bei Paralympischen Spielen“, sagt Ulmen. Zur Beruhigung sei erwähnt: Es dürfte mit großer Wahrscheinlichkeit mehr Medaillen als Weltrekorde geben.

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