Party am Bosporus : "Verrückte Türken" - so sehen es die Türken selbst

Berlin ist eine türkische Party - aber was ist dann erst in Istanbul und anderen türkischen Städten los? Unser Korrespondent am Bosporus hat sich umgeschaut und umgehört. Leider wurde auch wieder scharf geschossen - zum Glück ohne allzu schlimme Folgen.

Thomas Seibert[Istanbul]
istanbul
Die Nacht zum Tag gemacht. Türkische Fans feiern in Istanbul.Foto: AFP

Gruppendynamische Prozesse in der Halbzeitpause, die Depression in Zuversicht verwandeln und eine Mannschaft plötzlich "wie ausgewechselt" erscheinen lassen, gehören zum Legendenschatz jeder Fußballnation. Seit Sonntagabend hat die Türkei auch so einen Schatz. "Lasst uns wenigstens gut spielen, wenn wir schon verlieren," schworen sich die türkischen Spieler gegenseitig, als sie beim Stand von 0-1 gegen die Tschechen in Genf in die Kabine kamen. Wenn es stimmt, was Jungstar Arda Turan am Montag in der türkischen Presse berichtete, dann ging es den Türken in der zweiten Spielhälfte zunächst nicht so sehr darum, die Tschechen zu besiegen - daran glaubte offenbar niemand mehr so recht. Es ging um die Ehre.

"Wenn wir schon das Viertelfinale verpassen, wollen wir uns mit Kampf den Applaus verdienen", lautete laut Turan die Parole in der türkischen Mannschaftskabine. "Wir wollen uns mit einem guten Spiel verabschieden." Dann ging die Mannschaft zurück auf den Platz. Sie schluckte ein weiteres Gegentor, besiegte die Tschechen aber am Ende doch noch.

Wegen des fulminanten Schlussspurts gehörte das Wort von den "Verrückten Türken" am Montag zu den am meisten gebrauchten Bestandteilen türkischer Zeitungsschlagzeilen. Der Begriff war durchaus hochachtungsvoll gemeint: Ein gleichnamiger Roman und Millionen-Bestseller verklärt die Geschichte des türkischen Befreiungskrieges, in dem die hoffnungslos unterlegenen Türken die Grundlagen für die Gründung der Republik im Jahr 1923 legten.

"Alle sagten: 'Die Sache ist gegessen'", kommentierte die Zeitung "Sabah" den denkwürdigen Umschwung in der zweiten Spielhälfte. "Doch in einer Phase, in der die Tschechen schon begannen, auf Zeit zu spielen, sagten die 'Verrückten Türken': Nichts ist vorbei.' Mit seinen zwei Toren in der Schlussphase wurde Nihat zu einem Kapitän, der sein Schiff rettete und 70 Millionen Menschen auf die Straßen brachte."

Überhaupt spielt die kriegerische Geschichte der Türken eine wichtige Rolle bei der Betrachtung der EM in den Medien: "Die Türken stehen wieder vor Wien", überschrieb ein Blatt am Montag seinen Bericht über das Spiel. Dass so viele historische Vergleiche bemüht werden, liegt nicht zuletzt daran, dass eine EM-Viertelfinalteilnahme für die Türkei nicht selbstverständlich ist. Nur im Jahr 2000 kam das Land bisher schon einmal so weit; damals unterlagen die Türken den Portugiesen mit 0-2 und mussten die Heimreise antreten.

Davon redet diesmal noch niemand. In Istanbul und anderen türkischen Städten musste man am Sonntagabend nicht selbst vor dem Fernseher sitzen, um mitzuerleben, was in Genf geschah. Die Geräuschkulisse aus Wohnzimmern, Bars und Kneipen in der letzten Viertelstunde der Begegnung ließ keinen Zweifel daran, dass die Türken dabei waren, den Tschechen doch noch die Teilnahme am Viertelfinale abzujagen. Nach dem Schlusspfiff versammelten sich hunderttausende Menschen auf den zentralen Plätzen der Städte und feierten mit Fahnen, Autokorsos und Feuerwerken.

Wie bei solchen Gelegenheiten üblich, gaben viele Fußballfans auch Freudenschüsse aus scharfen Waffen in die Luft ab - eine Tradition, die in dicht bevölkerten Stadtvierteln leicht gefährlich werden kann. Im südtürkischen Adana wurden ein 68-jähriger Mann und ein 16-jähriger Teenager durch Querschläger verletzt. Dass es nicht noch schlimmer kam, lag wohl daran, dass viele Bewohner von Adana klugerweise nach dem Fußballspiel in ihren Wohnungen blieben: Die Polizei berichtete von Einschusslöchern in zahlreichen Hauswänden.

Am Montagmorgen hatte sich das allgemeine Interesse aber bereits auf Kroatien gerichtet. "Die haben viel mehr Erfahrung", sagte Yunus, ein Istanbuler Botenjunge. "Aber dafür können unsere Leute besser laufen."

Selbst im Jubel über den Sieg und in der beginnenden Spannung vor dem Kroatien-Spiel wurde aber auch sichtbar, dass bei den Türken trotz des Triumphes von Genf nicht alles eitel Sonnenschein ist. Der verletzte Mittelfeldspieler Emre Belözoglu saß am Sonntagabend zwar nur auf der Bank, schaffte es am Montag aber trotzdem auf die Titelseiten einiger Zeitungen, weil er die im Stadion anwesenden türkischen Sportjournalisten mit einer rüden Armbewegung beleidigte.

Belözoglu protestierte damit gegen eine seiner Meinung nach unfaire Berichterstattung. Besonders nach dem vergeigten Auftaktspiel gegen Portugal war die türkische Presse hart mit der Mannschaft und besonders mit Trainer Fatih Terim ins Gericht gegangen. Die schwachen Leistungen in den ersten Spielhälften der Begegnungen gegen die Schweiz und gegen Tschechien hatten bewirkt, dass diese Kritik anhielt.

Die Skepsis war auch am Montag spürbar. "Glauben Sie nicht, dass wir (die Fehler von Fatih Terim) vergessen haben", schrieb ein Kommentator in der Zeitung "Vatan" über den umstrittenen Trainer. "Über die Taktik wird noch viel zu sprechen sein. Aber lassen wir das jetzt. Glückwunsch, Kinder, Glückwunsch Meister Fatih."

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben